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Ostafrika: 6 Wochen Rundreise durch Uganda, Rwanda und Kenya

Vom Fernweh ergriffen packt man entweder die Koffer - oder holt das Fotoalbum raus. Derzeit hüte ich mit einem frischen Baby das Haus – Fernweh habe ich nur in Gedanken. Und so erinnere ich mich an 1996, wo ich als Teenager mit meiner Freundin Tini und meiner Oma nach Uganda fuhr um meine Tante zu besuchen. Meine Tante arbeitete als Entwicklungshelferin. Längst zeigen sich Lücken in meinem Gedächtnis: Ich weiß nicht mehr, wie Matoke mit Erdnusssauce schmeckt, aber ich erinnere, wie ich mich danach verzehrt habe.

Ostafrika-Reise 1996

Ich erinnere mich auch an die Aufregung vor der Reise - Afrika, das Synonym für Abenteuer und Exotik: Löwen, die anmutig durch die Savanne streichen, karge Landschaften mit lachenden schwarzen Kindern. Meine Tante schickte Karten, was wir mitbringen sollten (Fleischwolf, Tampons) und an was wir denken sollten (Röcke, die das Knie bedecken).

Kabale

Wir landeten in Entebbe, akklimatisierten uns einen Tag im Guest House des DED in der Hauptstadt Kampala, dann begaben wir uns über holprige Straßen auf die andere Seite des Landes, nach Kabale. Wir blieben 10 Tage in Kabale, besuchten mit meiner Tante Projekte, die sie betreute, und begaben uns auf die Spuren Jane GoodallsAnders als Jane, bekamen wir jedoch keine Gorillas zu sehen. Wilde Tiere halten sich nicht an geographische Grenzen. Die Gorillas befanden sich im ehemaligen Zaire. Wir entschieden, nicht auf ihre Rückkehr zu warten. 

Stattdessen machten wir einen Tagesausflug in die Hauptstadt Rwandas: Kigali. Die Straße nach Kigali war sicher, im Rest des Landes gab es Unruhen. Der Genozid in Rwanda wirkte nach, die Übergriffe auf das Flüchtlingslager in Goma waren noch nicht passiert. Wir nahmen im Auto eine Rwandaise mit, die ihre Tochter in Kampala besucht hatte. Sie zeigte auf wunderschöne Teeplantagen und sagte: „Hier war überall Militär stationiert.“ Ich schaute und nickte. Ich hatte geglaubt, wenn man vor Ort ist, begreift man die Dinge besser. Ich begriff, dass dies ein Trugschluss war. Ich blickte auf Teeplantagen in der Sonne, alles andere überstieg meine Vorstellungskraft. In Kigali kauften wir Käse und Gegenstände aus Bananenblättern. Die Grenzbeamte in Rwanda erlaubten sich einen Spaß und ängstigten verschüchterte 17jährige weiße Mädchen: “So, you came to Rwanda today. And you are leaving already today… why? (…) Next time you come to Rwanda, you must stay longer!“

National Parks

Wir ließen das Dreiländereck hinter uns und durchquerten das Land. Wir übernachteten bei befreundeten Entwicklungshelfern im Murchison Falls National Park. Die Oma überstand ein von der Decke fallendes Moskitonetz mit Termiten (sie hatten die Holzdecke zerfressen, an der das Netz hing). Tini und ich erschauerten angesichts grasender Flusspferde, von denen uns nur eine dünne Holzwand trennte. Gerne wird behauptet, Flusspferde seien die gefährlichsten Tiere Afrikas - wir hatten Geschichten gehört, die uns Respekt einflößten. In Masindi bewachte der Nachtwächter Sebastiano das Haus mit Pfeil und Bogen, und in Tororo an der kenianischen Grenze streikte der Wagen. Kultur-Konflikt hautnah: In Uganda bleibt die Schadenfreude nicht hinter der vorgehaltenen Hand verborgen. Die Männer auf dem Marktplatz schlugen sich auf die Schenkel vor Lachen, als wir Frauen, mit hochgerollten Röcken, an ihnen vorbei den Land Cruiser zur Reparatur schoben. Mit einem Tag Verspätung brachen wir schließlich auf in Richtung Kenya.

Kenya: Rift Valley & die Insel Lamu

Vor uns lag der ostafrikanische Graben: das Rift Valley. Selten habe ich Autofahren so genossen, wie in Ostafrika. Ich beobachtete die Landschaft, die vorbeizog, sich veränderte. Grüne Wiesen, Ziegenherden, Sisalfelder, Menschen am Straßenrand, Schulkinder auf dem Weg zur Schule, Obst- und Gemüsestände. Kleine Läden mit dem Slogan 'Ye Ssebo!' der ostafrikanischen Zigarettenmarke Sportsman.

Unser Ziel war der Lake Nakuru National Park. Der verhältnismäßig kleine Park genoss besonderes Ansehen bei Kenya-Touristen: 'Jenseits von Afrika' mit Robert Redford und Meryl Streep wurde hier zum Teil gedreht. In der Mitte des Parks lag der Lake Nakuru, ein Salzsee, um den sich tausende Flamingos drängten. Wir fotografierten Giraffen vor Schirmakazien, Zebras und Tiere in weiter Ferne, die Nashörner zu sein schienen. Dann bemerkten wir, dass das Auto wieder nicht ansprang. Ein vorbeifahrender Touristen-Truck gab uns Starthilfe. Die folgende Nachtfahrt nach Nairobi bei einbrechender Dunkelheit und Standlicht im Schatten eines kleinen Lieferwagens war, soweit ich erinnere, angespannt. Wir wollten die Großstadt erreichen, wo wir Ersatzteile vermuteten und einen Flug nach Lamu antreten wollten, befürchteten jedoch, ausgeraubt zu werden, sollte der Wagen liegen bleiben. Weder meiner Oma, noch uns behagte die Situation. Wir waren erleichtert, als wir die Stadtgrenze von Nairobi und die einsetzende Straßenbeleuchtung erreichten.

Von Nairobi flogen wir nach Lamu: Nach dem Abenteuer sollte Entspannung folgen. Lamu ist eine kleine Insel an der kenianischen Küste. Das Städtchen Lamu Old Town zählt zum Weltkulturerbe und gilt als eines der besten erhaltenen Städtchen der Swahili-Kultur, die die Küsten Ostafrikas prägt. Wir bezogen ein Hotel an der Uferpromenade. Während Grit im Hotel-Bett eine Malaria auskurierte, lief meine Oma über die Insel, kaufte Turnschuhe und verschenkte sie. Tini und ich versanken angesichts der Eindrücke der letzten Wochen in einem Loch und verbrachten die Zeit lesend im Hotel, bei Mango- und Papaya-Saft. Für ein paar Tage sehnten wir uns nach Normalität (Strandbesuche und Milchkaffee) und fanden diese in Form eines Cafés mit Eisschokolade neben dem indischen Kino. Nach wenigen Tagen hatte uns die Welt wieder. Wir begaben uns wieder auf Entdeckungsreise und erkundeten die kleine Insel, auf der es keinen Autoverkehr gibt, jedoch Esel und eindrucksvolle Villen und Hotels, die zeigen, dass dieser Flecken nicht so abgeschottet ist, wie es den Anschein hat.

Nach einer Woche Langsamkeit ('Pole, pole' in Swahili) kehrten wir nach Nairobi zurück. Wir besorgten Souvenirs im Handicrafts Market in Nairobi, gingen japanisch essen und traten den Rückflug nach Deutschland an.

zurück in Deutschland

Zurück in Deutschland fragten alle: „Wie war's denn in Afrika?“ („Toll!“). Ich zeigte Fotos von Giraffen, Sonnenuntergängen und wenigen Menschen - obwohl die Begegnungen mich viel mehr beeindruckt hatten. Gelegentlich erzähle ich Geschichten vom Kellner im Hotel 'New Star' auf Lamu, der seinen Gästen die Erdnüssen weg ass, oder von der Rwandaise, die wir im Auto nach Kigali mitgenommen hatten. Manchmal hören sich die Geschichten anders an, als beim Mal zuvor - mit der Zeit verändert sich die Erinnerung.

Meine Tante wohnte mittlerweile wieder einige Jahre in Berlin, in Mozambique und in Malawi. Zaire heißt seit 1997 République Démocratique du Congo. Heute liefert die Amazon-Suche nach Reiseführern über Uganda 51 und mehr Ergebnisse - 1996 gab es einen einzigen. Könnte ich in Ostafrika leben? Möglicherweise. Es wäre ein Abenteuer.