Türkei #1: Antalya & Kas

Bildungsurlaub in der Türkei

Seit zwei Jahren lerne ich im Rahmen eines Bildungsurlaubs Türkisch. Immer ein bißchen mehr, und immer in Deutschland. Das geht so nicht mehr, dachte ich, und buchte ich einen Flug nach Antalya. Eine Woche Türkisch, ein paar Tage Strand und Sonne in Kaş und der erste Eindruck eines Landes, das sich im Ausnahmezustand befindet. Davon ab: Der Alltag, die Hitze, türkisches Essen und Vokabellisten. Türkisblaues Wasser und ein Paragliding Tandem-Sprung. Toll!


Bildungsurlaub: Eine neue Sprache mit 36

Vor zwei Jahren stolperte ich über die Tatsache, dass man als Arbeitnehmer Anspruch auf Bildungsurlaub hat – 5 Tage im Jahr oder 10 Tage alle zwei Jahre. Ich war begeistert, hatte ich doch in den letzten Jahren zwei Dinge für mich erkannt: Einmal gelernt, bedeutet man nicht, dass man es dann immer kann (Voltigieren, das ich als Teenager lernte, kann ich nicht mehr). Dies weckte in mir das Bedürfnis, altes Wissen wieder auszugraben und Neues zu lernen. Ich lernte Surfen und erntete Lob, dass ich so etwas in meinem Alter noch anfange. Die zweite Erkenntnis: Lernen wird schwieriger, hört aber nicht auf. Surfen lerne ich jeden Sommer neu, dabei werde ich immer ein kleines bißchen besser.

Okay, dachte ich, dann ist der beste Moment eine neue Sprache zu lernen: jetzt. Sprachen kann ich. Mich fasziniert, wie andere Kulturen die Welt wahrnehmen und Sprache ist ein Ausdruck dessen. Ich spreche viele Sprachen, sie alle ähneln sich vom Konzept. Ich war neugierig auf eine Sprache, die anders funktioniert als die germanischen oder romanischen Sprachen. Außerdem, so dachte ich, warum nicht eine Sprache, die ich in Deutschland sprechen kann? Bislang hatte mich eher motiviert, welche Sprachen mir Reisen in ferne Gefilde ermöglichten. So, jedenfalls, kam ich darauf, Türkisch an der VHS in Hamburg zu lernen. Jahr für Jahr und Bildungsurlaub für Bildungsurlaub, immer etwas mehr. Realistischerweise muss man sagen, dass, wer sich 5 Tage im Jahr mit einer Sprache beschäftigt, der fängt jedes Jahr neu an. Das ist ähnlich wie beim Surfen.

Türkisch lernen in Antalya

Eine neue Sprache lernt man am besten vor Ort, dachte ich mir Anfang des Jahres, und buchte einen Flug nach Antalya. Eine Woche Bildungsurlaub bei Irene und Tahsin und ein paar Tage Strand und Arbeit in schönem Ambiente. Kurz verunsichert durch die politische Lage der Monate zuvor, flog ich am Ende doch und landete am 2. September in Antalya. Irene hatte mir angeboten, direkt bei ihr unterzukommen, und so bezog ich mein Zimmer in ihrer Wohnung im Zentrum Antalyas.

Die TUI-Touristen kommen wieder

So schilderte es Irene. Die TUI-Touristen und ich. Was sie meinte, war, dass der Tourismus sich ein wenig erholt habe, und doch sei Antalya im Vergleich zu vorigen Jahren leer. Bei Salman, einer Konditorei, die bei Deutschen beliebt ist, im zweiten Stock: Gähnende Leere. Ich mochte mir nicht vorstellen, was hier zu Hochzeiten los ist. Ich traue mich kaum, es auszusprechen, doch leer ist die Türkei ein angenehmes Urlaubsland.

Ausnahmezustand? Ich merke nichts.

Mein Wortschatz beschränkt sich auf die Frage, wie es geht (Nasilsin?/Nasilsiniz?), doch jede Antwort, die über einzelne Wörter hinaus geht, überfordert mich. Es geht mal gut, mal müde, und jedes Detail darüber hinaus entgeht mir. In der Türkei herrscht ein Ausnahmezustand, der für Außenstehende wie mich kaum wahrnehmbar ist. Irene übersetzte mir die Nachrichten: Journalisten und Akademiker, die des Amtes enthoben wurden, Enteignungen, und der Plan, den Ausnahmezustand auszuweiten. Abseits dessen läuft der Alltag weiter. 

Irene und ich nutzten die Pausen meines Türkischkurses um uns in den kleinen Lokantası um die Ecke ein preiswertes Mittagessen im Wert von ein paar Euro zu gönnen. Im Anschluss tranken wir in einem der Cafés Eiskaffee zum gleichen Preis. Cafés boomen. Leere Hotels befinden sich an verschiedenen Stellen der Stadt, wobei für mich nicht erkennbar war, ob die Bausubstanz oder ausbleibende Touristen der Grund für die Misere waren. Die Menschen bilden keine Rücklagen, sagte Irene, ein Rückgang des Tourismus wie dieses Jahr bringt viele an den Rand ihrer Existenz.

Benim adım Eike. Türkçe cok az konuşuyorum.

Am Montag begannen wir mit dem Kurs. Ich zückte mein Lehrbuch, Kolay gelsin! ("Viel Erfolg!"). Irene lachte: "Ach, das mit den vielen Fehlern." Sie reichte mir eine Kladde und wir begannen mit dem Unterricht. Wiederholen, viel wiederholen. Welcher Teil eines Satzes betont wird, spielt im Türkisch-Unterricht in Deutschland offenbar eine untergeordnete Rolle, denn in Antalya war dies mein größter Erkenntnisgewinn. Es klingt wie eine Nebensächlichkeit, fühlt sich jedoch an, als habe man die Sprache entschlüsselt (dem ist nicht so).

Ein Türkischkurs bei 36°C fühlt sich auch ein bißchen an wie ein Ausnahmezustand. Morgens erhob ich mich gegen 7 Uhr frisch von meinem Bett, einer Matratze auf dem Balkon. Ab 16 Uhr schien mir dies der beste Ort der Stadt zu sein: schattig, ein leichter Wind. Kurze Zeit später setzte die Hitze ein und mein Gehirn aus. Abkühlung bietet morgens um 7 Uhr die kleine öffentliche Badestelle des Viertels oder eine erfrischende Dusche. Ab 9 Uhr hört der Spaß auf.

Im Adalar Beach gönnten Irene und ich uns eine Pause bei leichter Brise im Schatten. Türk kahvesi, lütfen, presste ich mühsam hervor, während mir der Schweiß von den Waden rann. Der Kellner stellte eine Frage, mit der ich nicht gerechnet hatte. "Er fragt dich, ob du Zucker möchtest.", sagte Irene und ich nickte. Ich spreche ganz wenig Türkisch, sagte ich entschuldigend. Türkçe cok az konuşuyorum. Am Ende der Woche hatte ich mein Wissen wenigstens um einige Zeitformen und Vokabeln angereichert. Nächstes Jahr wird sich entscheiden, ob Türkisch eine Sprache sein wird, die ich auch wirklich sprechen kann oder ob es ein nettes Projekt bleibt. 


Türkisches Essen und Reflux

Wer, wie ich, Schwierigkeiten mit Reflux hat, der verträgt Knoblauch und Tomaten häufig schlecht. In Ländern entlang des Mittelmeers bringt das einige Herausforderungen mit sich, das gilt auch für die Türkei. Alles Gekochte enthält ziemlich zielsicher Knoblauch. Ich hielt mich daher an Salat und Fisch. Das funktionierte gut.

Salat schmeckt bei Hitze großartig und kühlt von innen. Hier mache ich sogar bei Tomaten eine Ausnahme. Auch wenn sie wahrscheinlich nicht so naturbelassen sind, wie der Geschmack glauben lässt (Zahlreiche Gewächshäuser entlang der türkischen Küste legen die Vermutung nahe), so sind sie doch um einiges aromatischer als die Tomaten, die man in Deutschlang bekommt. Mit anderen Worten: In Deutschland verzichte ich gerne, in Mittelmeerländern mache ich entsprechend eine Ausnahme. Mein Magen macht das glücklicherweise mit.


Kaş – eine kleine Idylle an der türkischen Küste

Nach einer Woche im turbulenten Antalya (irgendein Mikrofon trötet immer: Sei es Moscheen oder Verkäufer von Wassermelonen, Fisch oder Simit) setzte ich mich ins Dolmuş und fuhr nach Kaş Kaşa gitmek istiyorum, lütfen! Mit mir die halbe Türkei, denn ich reiste am Tag vor Kurban Bayrami, einem der wichtigsten religiösen Feiertage. Ein paar Tage entspannen am Strand, Türkisch sprechen und ein paar Konzepte ausarbeiten, das war das Ziel meines Ausflugs. Ich bin kein Digital Nomad, tue aber zeitweise gern so, als wäre ich einer. Über Airbnb bezog ich Quartier bei Tansuk, die etwas außerhalb von Kaş in einem kleinen Haus lebt, um das ich sie beneide.

Tansuk holte mich am Busbahnhof ab, wir bestiegen ein Sammeltaxi in Richtung Gökseki, wo ihr Haus steht. Ein Mann sprach Tansuk an: "You know Jason, right? Do you know that he died two days ago? He dropped dead at the hospital, totally unexpected."  – Ich hatte das Bedürfnis kurz inne zu halten, doch das Sammeltaxi rollte weiter. Mich berühren solche Momente, in denen das Leben, beiläufig wie eine Frage nach dem Wetter, eine Nachricht fallen lässt, die das Leben einiger von Grund auf zu ändern vermag. Andere streift eine solche Nachricht wie eine Nebensächlichkeit, mit einer subtilen, kaum spürbaren Resonanz. Tansuk war für einen Moment sprachlos, dann verloren sich die beiden in Gesprächen über Jason, der offenbar mit dem Leben gehadert hatte. In Gökseki stiegen wir aus. Tanskuk bereitete ein spätes Mittagessen aus Wassermelone, Brot und Feta-Käse. Ich fragte mich, wie die politische Situation der Türkei in Kaş auf die Menschen wirkt. "We are artists", sagte ein Freund Tansuks später, "... we don't care about such stuff." Ich verstand: Laß uns über etwas anderes reden.

Kaş ist ein idyllisches Städtchen mit einem verwinkelten Stadtkern, Cafés, Restaurants, Handwerkskunst und Chill-Out Atmosphäre. Wer Ibiza und den Zeiten von Café del Mar sehnsuchtsvoll nachtrauert, der findet in Kaş eine ähnlich entspannte Atmosphäre ohne Starallüren. Im Café Asmaaltı Cafe & Bar mit Zugang zum Wasser hätte ich ewig verweilen können. Angenehme Musik, eine Bar im Hintergrund, Sonnenschirme und das Meer. Kaş ist das Reiseziel für Schnorchler, Paraglider oder Wanderer, die den lykkischen Weg entlang wandern wollen. Die großen Sandstrände finden sich anderswo. Dennoch, man ist an Touristen gewöhnt. Niemand erwartete, dass ich ein paar Worte Türkisch spreche, fast alle sprachen Englisch, Französisch oder Deutsch und hatten teilweise in Deutschland gelebt.

Mit etwas Wehmut stieg ich einige Tage später wieder in den Bus nach Antalya und ins Flugzeug nach Hamburg, obwohl ich mich auf eine frische Brise, das eigene Bett und den Liebsten freute.
Görüşürüz, Türkiye!


Fazit: Türkei

  • "Kenner kommen im Oktober oder November.", sagte Irene.
    September ist definitiv zu heiß.
  • Türkischem Kaffee kann ich immer noch nicht wirklich etwas abgewinnen, doch alles ist besser als Eiskaffee in der Türkei.
  • Was ich im Koffer hatte und nicht gebraucht habe: Pullover, Jeans-Jacke.
  • Was ich nicht im Koffer hatte und definitiv gebraucht hätte: Schwimmbrille, Ohropax, leichte Stoffhosen oder mittellange Röcke.
  • Die Türkei ist das Land des Orangensafts (Portakal suyu), und Orangensaft macht glücklich.

Mit anderen Worten: Gerne wieder. Auch und besonders Kaş.