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London – Drei kulinarische Perspektiven

London zieht mich immer wieder an, und ebenso schnell wird es mir zu viel. Drei Tage, dann ist es gut. Doch wer Urbanität liebt, muss London mögen: London ist spannend, künstlerisch und vor allem kulinarisch. Könnte ich hier leben? Vermutlich.

London - drei kulinarische Perspektiven

Bereits am Buckingham Palace drängte sich mir eine Frage auf, die sich mir oft in London stellt: Wo kommen nur all diese Menschen her? Am Covent Garden ein ähnliches Szenario: Viel zu viele Menschen. Mir war warm und ein als Gondolieri verkleideter Mann stand zu dicht neben mir, sang mir ins Ohr und hielt mir einen Korb vor die Nase, als Aufforderung ein paar Münzen hineinfallen zu lassen. Ich hatte keine Münzen. In London funktioniert selbst die Metro mit der Visa-Card. Nie wieder Covent Garden an einem Samstag, schwor ich mir darauf.

Und der Verkehr. Ohne die auf den Boden gepinselte Anleitung ("Look left", "Look right") wäre ich verloren. Ich frage mich, woran das liegt. In Tokio herrscht auch Linksverkehr, doch dort hatte ich nicht unterschwellig Angst, über den Haufen gefahren zu werden. Chris ging es ebenso, erklären konnten wir es uns nicht: "Die fahren einfach anders hier." Und doch: London beeindruckt mich, immer wieder. 

I can’t stand people who do not take food seriously.

Oscar Wilde

1998 führte mich ein Schulausflug nach London Kings Cross. Tagsüber streiften wir durch Musik-Läden und Book Shops. Abends holten wir uns Curries beim Pakistani um die Ecke, Wein beim Kiosk nebenan und setzten uns auf das Dach unseres Hostels: die Stadt zu unseren Füßen, Leuchtreklame in der Ferne, im Hintergrund. In London, das begriff ich damals zum ersten Mal, braucht man Rückzugsorte. Andernfalls fühlt man sich schnell erdrückt von der Vielzahl der Eindrücke. Und noch etwas anderes verstand ich: Bei London geht's ums Essen. Bei diesem Trip mit dem Liebsten und zwei Freunden gönnten wir uns London aus drei unterschiedlichen kulinarischen Perspektiven:

Yotam Ottolenghis Aufregende Küche

Yotam Ottolenghi – sein Kochbuch Plenty hat viele Vegetarier-Herzen höher schlagen lassen. Meins auch, obwohl ich zu dem Zeitpunkt keine Vegetarierin mehr war. Das ist ja das Tolle an ihm: Diese Vielfalt an Gemüse und trotzdem Fleisch und Fisch. 

Wer Essen liebt und London besucht, sollte bei Yotam Ottolenghi vorbei schauen. Ich buchte einen Tisch in einem seiner Restaurants: Nopi. Das Nopi teilt sich in zwei Bereiche: upstairs und downstairs. Upstairs ist exquisit. Downstairs ist als Improvisation inszeniert. Man sitzt an zwei großen Tafeln direkt neben der Küche. Eine Wand ist gesäumt von Regalen mit Zutaten für die Küche, eine andere Wand zieren Haken für die Jacken der Gäste. Communal dining overlooking the NOPI kitchen nennt Ottolenghi das. Unser Kellner brachte nibbles und empfahl einen Wein. Schnell sollte es gehen, denn wir waren spät dran. Trotzdem wirkte, ausgenommen des Settings, nichts improvisiert: Der Tisch war hübsch gedeckt, das Essen köstlich, der Service tadellos, die Toiletten ein Spiegellabyrinth: ein lohnenswerter Besuch!

Street food an der Brick Lane

Im Stadtteil Shoreditch finden sich einige Märkte, z. B. der Sundae Up Market an der Brick Lane. Die Märkte alle zeigen ähnliche Dinge (Kunsthandwerk, Schmuck, Klamotten) wie überall auf den DIY-Design-und-Second-Hand-Märkten dieser Welt. Die Menge ist überwältigend und es erfordert Gelassenheit, um mit Ruhe die interessanten Dinge zwischen viel Nippes zu entdecken. Zum Glück gibt es auch Essen. Der Sundae Up Market besteht nämlich zu gut einer Hälfte aus Ständen, an denen herrliche Dinge zubereitet werden. Der folgende Clip vom Stand mit indisch-türkischer Fusion-Küche zeigt ganz schön, wie die Stimmung an der Brick Lane an einem Sonntag ist:

Wie ein kleines Spiegelbild der Stadt zeigt der Markt all die unterschiedlichen kulinarischen Einflüsse verdichtet: Dumplings, Hotdog, Cheesecake, vietnamesischer Eiskaffee: Wir konsumierten was möglich war nach einem full English breakfast - und das ist leider nicht viel. Sehnsüchtig blickten wir auf all die anderen japanischen, chinesischen, vietnamesischen, äthiopischen, italienischen Köstlichkeiten und erkannten: Zur Brick Lane fährt man mit leerem Magen, vor allem, da die Stände ihr Essen am Ende des Tages entsorgen müssen und die Leckerbissen entsprechend günstig zu bekommen sind.

Stände wie die vom Sunday Up Market prägen das Stadtbild Londons: Im Eingangsbereich des Borough Market, am Camden Lock Market, ebenso wie an unzähligen Straßenecken. Street Food in London ist eben mehr als Fish & Chips allein. Ein kleiner kulinarischer Traum, dem man sich in London jeden Tag aufs Neue hingeben kann. Etwas Neid verspüre ich da schon.

The Charles Lamb: Das Pub um die Ecke

The Charles Lamb Pub & Kitchen lag nicht weit von unserer Airbnb-Unterkunft entfernt. Ich fand es im Web auf der Suche nach einem entspannten Ort, an dem wir gut essen und gleichzeitig Fussball schauen könnten. A traditional friendly local pub lautet die Selbstbeschreibung und genauso einladend wirkte es auch auf mich. Die Küche ist leicht, britisch-französisch, neben gutem Bier gibt es hier auch herrliche Weine. Wir speisten Sardinen mit Olivenöl, Scottish eggs, und allerlei Kleinigkeiten. Einfach, und sehr köstlich. 

Daniel schaute Fußball, wir spielten Karten. Die Abendsonne schien herein, das Pub füllte sich mit internationalem Publikum, man sprach Englisch oder Französisch; draußen, beim Glas Rosé, wähnte man sich in Frankreich. Würde ich in London leben, hier würde ich öfter einkehren.

Am Montag kehrten Daniel und Jessica nach Hamburg zurück. Chris und ich blieben für eine Konferenz und flogen zwei Tage später nach Berlin für ein weiteres Event. Bei Father Carpenter Coffee Brewers in Berlin-Mitte bestellte ich beim netten Briten an der Theke aus Versehen einen Caffè Latte auf Englisch. Mein Gehirn hatte den Wechsel von einem Land zum nächsten nicht ordentlich mitbekommen. Bei meiner nächsten Reise nach London könnte dies anders sein, denn die Briten haben mittlerweile mehrheitlich für den Brexit gestimmt. 

 Ob die Jungs aus dem Pub in London ihr Votum mittlerweile bereuen? Haben sie am Ende vielleicht gar für Remain gestimmt? Do they feel lucky? Ich weiß es nicht. Was bedeutet die Entscheidung Großbritanniens für das große Friedensprojekt Europas? Es gibt Vermutungen, doch keine Gewissheit. ich glaube jedoch mit Sicherheit sagen zu können: London derzeit ist noch wuseliger als ich es Mitte des Monates erlebt habe. 

Nothing has changed and everything has changed. I still go through the EU passport-holders’ queue. But when I stand next to a Scottish family in the airport bus, I find myself thinking: some day soon they might be foreigners, citizens of a small independent country inside the European Union, like Slovakia or Slovenia. But England, my England, where will you be? (...) sometimes in politics it is wisest to watch and wait, playing for time and keeping your options open. This is such a time.

Timothy Garton Ash

Die Geschichte sieht nie aus wie Geschichte, wenn man sie gerade erlebt, sagte John William Gardner. Derzeit fühlt es sich anders an. Hier, in der Toskana, wo ich gerade im Schatten, meine sonnenverbrannte Haut schonend, diesen Blog-Eintrag schreibe, spürt man von alledem jedoch nichts. Hier gibt es nur Sonne, Tomaten, Mozzarella und Birra Morretti. Was die Zukunft bringt, wird sich zeigen.

Fazit London

London gönne ich mir lieber in Dosen. Bunt, vielzeitig, urban - inspirierend, und doch schnell überwältigend. Ich empfehle drei Tage mit einer guten Mischung aus gutem Essen, etwas Design und Kunst, Café oder Tee, ein wenig Grün und eine Prise Kultur. Schnell kippt die Stimmung von "Wonderful!" zu "Thank you, dear, it's enough!". Könnte ich in London leben? Vermutlich, doch ich bräuchte Fluchtpunkte im Alltag, die mir Ruhe bringen.