London – Thank you, dear, it's enough.

"London ist furchtbar teuer, ich reise morgen wieder weg. Ach ja, ich kam heute früh im üblichen Nebel an." (William Faulkner, 1897-1962, "Lexikon der Städtebeschimpfungen") - So kann es gehen. Mich zieht London immer wieder an, und ebenso schnell wird es mir zu viel. Zu viele Leute, zu viel Gewusel, zu  viel Spannendes. Drei Tage, dann ist es gut.

Rainy London

Geschichtsträchtig begannen Chris, Jessica, Daniel und ich unseren kleinen London-Ausflug. Und zwar mit dem Geburtstag der Queen. Wir drängten uns mit anderen Touristen und ein paar Einheimischen zum Buckingham Palace und bestaunten die Jets, die in Formation über unsere Köpfe flogen. 


Bereits am Buckingham Palace drängte sich mir eine Frage auf, die sich mir oft in London stellt: Wo kommen nur all diese Menschen her? Am Covent Garden ein ähnliches Szenario: Viel zu viele Menschen. Mir war warm, das Toiletten-Haus nahm nur Münzen und ein als Gondolieri verkleideter Mann stand zu dicht neben mir, sang aus voller Kehle und hielt mir einen Korb vor die Nase, als Aufforderung ein paar Münzen hineinfallen zu lassen. Ich hatte keine Münzen. In London funktioniert selbst die Metro mit der Visa-Card. Nie wieder Covent Garden an einem Samstag, schwor ich mir darauf.

Und der Verkehr. Ohne die auf den Boden gepinselte Anleitung ("Look left", "Look right") wäre ich verloren. Ich frage mich, woran das liegt. In Tokio herrscht auch Linksverkehr, doch dort hatte ich nicht unterschwellig Angst, über den Haufen gefahren zu werden. Chris ging es ebenso, erklären konnten wir es uns nicht: "Die fahren einfach anders hier."

Und doch: London beeindruckt mich, immer wieder. 1998 führte mich ein Schulausflug nach London Kings Cross. Tagsüber streiften wir durch Musik-Läden und Book Shops. Abends holten wir uns Curries beim Pakistani um die Ecke, Wein beim Kiosk nebenan und setzten uns auf das Dach unseres Hostels: die Stadt zu unseren Füßen, Leuchtreklame in der Ferne, im Hintergrund. In London, das begriff ich damals zum ersten Mal, braucht man Rückzugsorte. Andernfalls fühlt man sich schnell erdrückt von der Vielzahl der Eindrücke. Und noch etwas anderes verstand ich: Bei London geht's ums Essen. 


I can’t stand people who do not take food seriously.

Oscar Wilde

Ottolenghi's Nopi

Yotam Ottolenghi – sein Kochbuch Plenty hat viele Vegetarier-Herzen höher schlagen lassen. Meins auch, obwohl ich zu dem Zeitpunkt keine Vegetarierin mehr war. Das ist ja das Tolle an ihm: Diese Vielfalt an Gemüse und trotzdem Fleisch und Fisch. Mir war klar, dass ich in London eines von Ottolenghis Restaurants besuchen würde. Ich buchte einen Tisch im Nopi, das sich in downstairs und upstairs teilt. Upstairs ist es exquisit. Downstairs ist als Improvisation inszeniert. Man sitzt, so wie wir an dem Abend, an zwei großen Tafeln direkt neben der Küche. Eine Wand ist gesäumt von Regalen mit Zutaten für die Küche, eine andere Wand zieren Haken für die Jacken der Gäste. Communal dining overlooking the NOPI kitchen nennt Ottolenghi das. Unser Kellner brachte nibbles und empfahl einen Wein. Schnell sollte es gehen, denn wir waren spät dran. Trotzdem wirkte, ausgenommen des Settings, nichts improvisiert: Der Tisch war hübsch gedeckt, das Essen köstlich, der Service tadellos, die Toiletten ein Spiegellabyrinth. Der Besuch hat sich gelohnt!

Brick lane und die Märkte

Some say Shoreditch has had its day, that London’s trendy brigade have moved on. If you go to Brick Lane Market, though, it doesn’t look that way. (...) Despite the spread of affluence, much of the area maintains its original gritty, urban edge (...)

TimeOut London

Am folgenden Tag begaben wir uns nach einem Full English breakfast (die anderen, meins ist das gar nicht) nach Shoreditch zum Sundae Up Market an der Brick Lane. Hier gibt es mehrere Märkte in unmittelbarer Nähe, der Sundae Up Market ist einer von ihnen. Sie alle zeigen ähnliche Dinge (Kunsthandwerk, Schmuck, Klamotten) wie überall auf den DIY-Design-und-Second-Hand-Märkten dieser Welt. Die Menge ist überwältigend und es erfordert Gelassenheit, um mit Ruhe die interessanten Dinge zwischen viel Nippes zu entdecken. Zum Glück gibt es auch Essen.

Der Sundae Up Market besteht zu gut einer Hälfte aus Ständen, an denen herrliche Dinge zubereitet werden. Das Wissen, dass alle Stände ihre Reste am Ende des Tages vernichten müssen, ließ uns trotz voller Bäuche kräftig zulangen bei Dumplings, Hotdog, Cheesecake und vietnamesischem Eiskaffee. Sehnsüchtig blickten wir auf all die anderen japanischen, chinesischen, vietnamesischen, äthiopischen, italienischen Köstlichkeiten, doch da ging einfach nichts mehr. Der folgende Clip vom Stand mit indisch-türkischer Fusion-Küche zeigt ganz schön, wie die Stimmung an der Brick Lane an einem Sonntag ist:

Street Food in London ist eben mehr als Fish & Chips allein. Stände wie die vom Sunday Up Market prägen das Stadtbild Londons: Im Eingangsbereich des Borough Market, am Camden Lock Market, ebenso wie an unzähligen Straßenecken. Ein kleiner kulinarischer Traum, dem man sich als Londoner jeden Tag aufs Neue hingeben kann. Etwas Neid verspüre ich da schon.

The Charles Lamb: Das Pub um die Ecke

The Charles Lamb Pub & Kitchen lag nicht weit von unserer Airbnb-Unterkunft entfernt. Ich fand es im Web auf der Suche nach einem entspannten Ort, an dem wir gut essen und gleichzeitig Fussball schauen könnten. A traditional friendly local pub lautet die Selbstbeschreibung und genauso einladend wirkte es auch auf mich. Die Küche ist leicht, britisch-französisch, neben gutem Bier gibt es hier auch herrliche Weine. Wir speisten Sardinen mit Olivenöl, Scottish eggs, und allerlei Kleinigkeiten. Einfach, und sehr köstlich. Daniel schaute Fußball, wir spielten Karten. Die Abendsonne schien herein, das Pub füllte sich mit internationalem Publikum, man sprach Englisch oder Französisch; draußen, beim Glas Rosé, wähnte man sich in Frankreich. Würde ich in London leben, hier würde ich öfter einkehren.

Was tun in London, außer essen?

Shoppen – nicht zu empfehlen. Bis auf die lustige nackte Fahrrad-Kolonne, die im Rahmen des World Naked Bike Day die Oxford Street überquerte, waren da einfach viel zu viele Menschen. 

Sightseeing – alles schon gesehen. Madame Tussauds, das war als Teenager ganz interessant. Die Kronjuwelen, hatte Jessica vorgeschlagen, wir anderen waren nur halb begeistert. Hyde Park – als Teenager habe ich dort mal einen ganzen Tag verbracht: Uns war das Geld ausgegangen. Kensington Gardens mit dem Kensington Palace: Anlässlich des Geburtstags der Queen gab es einen kleinen Video-Trailer im Palast, der die wichtigsten Stationen ihres Lebens zusammenfasste, vielleicht in etwa so wie diese Chronologie von der BBC, jedoch weniger umfangreich. Beeindruckend finde ich, wer auf ein so langes, ereignisreiches Leben zurück blicken kann. Wer das tut, der muss doch, so denke ich mir, einiges anders beurteilen können, als die Jungen, die vieles nur vom Hörensagen oder aus den Geschichtsbüchern kennen. Zum Austritt Großbritanniens aus der EU positioniert sich die Queen erwartungsgemäß neutral. Was sie wirklich davon hält, kann man nur vermuten.

Wir besuchten einen weiteren Ort mit historischer Bedeutung: Das British Museum. Der Besuch lohnt sich sehr. Der Eintritt ist kostenlos und drinnen ist, wie überall in London, viel los. Daniel führte uns durch die Themengebiete seines Archäologie-Studiums und wir lauschten seinen Erzählungen. Ich fotografierte Objekte mit Keilschrift und Menschen, die sich in den Glasvitrinen der Objekte spiegelten. Nach gut 90 Minuten war mein Kopf nicht mehr aufnahmefähig. Dem British Museum nähert man sich, wie London, am besten in Etappen. 

Am Montag kehrten Daniel und Jessica nach Hamburg zurück. Chris und ich blieben für eine Konferenz und flogen zwei Tage später nach Berlin für ein weiteres Event. Bei Father Carpenter Coffee Brewers in Berlin-Mitte bestellte ich beim netten Briten an der Theke aus Versehen einen Caffè Latte auf Englisch. Mein Gehirn hatte den Wechsel von einem Land zum nächsten nicht ordentlich mitbekommen. Bei meiner nächsten Reise nach London könnte dies anders sein, denn die Briten haben mittlerweile mehrheitlich für den Brexit gestimmt. 

 Ob die Jungs aus dem Pub in London ihr Votum mittlerweile bereuen? Haben sie am Ende vielleicht gar für Remain gestimmt? Do they feel lucky? Ich weiß es nicht. Was bedeutet die Entscheidung Großbritanniens für das große Friedensprojekt Europas? Es gibt Vermutungen, doch keine Gewissheit. ich glaube jedoch mit Sicherheit sagen zu können: London derzeit ist noch wuseliger als ich es Mitte des Monates erlebt habe. 

Nothing has changed and everything has changed. I still go through the EU passport-holders’ queue. But when I stand next to a Scottish family in the airport bus, I find myself thinking: some day soon they might be foreigners, citizens of a small independent country inside the European Union, like Slovakia or Slovenia. But England, my England, where will you be? (...) sometimes in politics it is wisest to watch and wait, playing for time and keeping your options open. This is such a time.

Timothy Garton Ash

Die Geschichte sieht nie aus wie Geschichte, wenn man sie gerade erlebt, sagte John William Gardner. Derzeit fühlt es sich anders an. Hier, in der Toskana, wo ich gerade im Schatten, meine sonnenverbrannte Haut schonend, diesen Blog-Eintrag schreibe, spürt man von alledem jedoch nichts. Hier gibt es nur Sonne, Tomaten, Mozzarella und Birra Morretti. Was die Zukunft bringt, wird sich zeigen.

Fazit: Immer wieder gern, immer wieder kurz

Wie bei allen großen Städten: Man könnte lang bleiben. London gönne ich mir lieber in Dosen. Bunt, vielzeitig, urban - inspirierend, und doch schnell überwältigend. Ich empfehle drei Tage mit einer guten Mischung aus gutem Essen, etwas Design und Kunst, Café oder Tee, ein wenig Grün und eine Prise Kultur - wonderful!