Stadt #6: Tokyo - Japans umtriebige Metropole

Ganz Portugal passt in diese Stadt. Ein Gefühl für eine Stadt dieser Größe zu bekommen scheint fast unmöglich. Könnte ich mir vorstellen, hier zu leben? Eine spannende Stadt, ohne Frage! Ein kulinarisches Paradies, doch für mich vermutlich eine Nummer zu groß. Schön war es dennoch!

Tokyo

"Sieht aus, als sei es von einer Anti-Charme-Rakete getroffen worden. Tokyo hatte das Pech, im zweiten Weltkrieg total zerstört zu werden, und es musste komplett wieder aufgebaut werden, in einer Zeit, die die Architekturhistoriker als eine Periode beschreiben, in der alle Gebäude wie öffentliche Parkhäuser aussahen, ohne deren Wärme." 

Dave Barry (*1947, "Lexikon der Städtebeschimpfungen")

Soweit das Bild. Ich selbst hatte von Japan nur eine vage Vorstellung. Als Teenager hatte ich eine Brieffreundin in Osaka: Mayumi. Uns verband die Liebe zu der Band NKOTB und zum Briefe schreiben. Den Sprung ins Internet-Zeitalter hat unsere Freundschaft nicht geschafft. Wir tauschten E-Mail-Adressen aus und hörten auf, uns zu schreiben. Technologischer Fortschritt, starre gesellschaftliche Zwänge, Sushi, Miso-Suppe, Manga-Hefte und Hello Kitty: Das verband ich bislang mit Japan. 

Ich landete am Flughafen Haneda gegen 23 Uhr. Ein Mann, der im gleichen Flieger gesessen hatte wie ich, koordinierte die Taxifahrt für mich. Gut, wenn man japanisch spricht! Der Taxi-Fahrer sprach kein English, stattdessen sprach er mit Google Translate in seinem Telefon, und Google Translate sprach mit mir. Wir fuhren vorbei am Tokyo Tower nach Roppongi und erreichten ein Gebäude mit Pförtner, indem sich die Airbnb-Unterkunft befand. Ein kleines Zimmer, mit allem Notwendigen. Darüber hinaus gab es vor allem Verbote („No Airbnb!“). Ich stellte die Koffer ab, sank aufs Bett und in einen 11stündigen Schlaf.

Am folgenden Morgen begab ich mich auf einen Tipp eines Handy-Verkäufers („Do you speak English?“ –  „A little bit...“) nach Akihabara um eine SIM-Card zu kaufen. Ich fand eine, bekam sie aber nicht zum Laufen. Internet ist ein Thema in Japan, auch wenn Apps einen leichten Zugang zum Wifi in nur 6 Schritten versprechen. Da war ich nun im Land der Roboter und hangelte mich von Starbucks zu Starbucks. Die Antwort, das lernte ich einen Tag später, heißt portabler Wifi-Router.

Metro & Spätverkäufe

Mega groß, so wie die Stadt, ist auch das Metro-Netz. Auf den ersten Blick, ist das überwältigend, auf den zweiten Blick findet man sich gut zurecht: Die Metro-Linien sind farblich und durch ihren Anfangsbuchstaben gekennzeichnet, die Haltestellen nummeriert. Jede Haltestelle zeigt auf einem Schild die nächste Haltestelle in jede Richtung an. Ausgänge sind nummeriert und ausgeschildert. Mit der Pasmo-Karte navigiert man unkompliziert durch die Metro- und die S-Bahn-Netze. Abenteuerlich sind lediglich die Bahnhöfe Shinjuku und Ikebukuro, wo ich einmal 20 Minuten brauchte, um den richtigen Ausgang zu finden.

Man könnte meinen, das mega-Metro-Netz sorgt für lückenlosen Betrieb rund um die Uhr, doch dem ist nicht so. Die letzte Bahn gegen 24h ist entsprechend voll. Für die, die sie verpassen gibt es das Taxi oder Kapselhotels.

Essen gibt es dagegen immer und überall. Kleine Supermärkte wie Lawson oder Seven Eleven haben die Nacht durch geöffnet. Nahezu an jeder Ecke stehen Getränkeautomaten, aus denen man sogar Sake und heißen Kaffee in Dosen ziehen kann. Mein Kollege Christoph, der einen Tag nach mir in Tokyo eintraf, sagte, der Kaffee aus Dosen sei sogar ganz schmackhaft.

Hanami

Das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden, das war unser Plan, und so stimmten wir unsere Geschäftsreise auf die Kirschblüte ab. Gleich hinter unserer Unterkunft lag der Hinokicho Park, in dem das Ritz Carlton mit einer Martini-Lounge die Kirschblüte feierte. Laut Christoph ist dies die einzige Zeit im Jahr, wo Japaner die Parks bevölkern: Man trifft sich  zum Picknick, zum Feiern und Bier trinken, ein willkommener Anlass. 

Einer der berühmtesten Hanami-Spots ist das Ufer des Meguro-gawa. Auf einer ca. 3-4 km langen Strecke säumen sich hier hunderte Kirschbäume entlang des Flusses. Menschenmassen schoben sich durch die schmalen Gassen, zahlreiche Flaschen Prosecco mit Kirschblüten wurden getrunken, unzählige Fotos geknipst. Das Land investiert viel Zeit (und vermutlich Geld) darin, den besten Zeitpunkt für die Kirschblüte zu ermitteln, ähnlich wie wir Hamburger in die Apfelblüte. Und tatsächlich, man kann den Hype verstehen: So grazil wirken die Blüten, so vergänglich ist ihre Schönheit. Wenige Tage später begann der Wind die Blüten abzutragen und die Gehwege füllten sich mit herabgefallenen Blüten.


Kirschblüte am Hinokicho Park

Ausflug zum Penis-Festival

Ich hatte Lust, etwas zu unternehmen und schaute, ob es bei Couchsurfing ein nettes Event gab - das mache ich häufig, wenn ich in Städten bin, wo ich niemanden kenne. Kanamara Fertility Festival las ich dort, das klang skurril und lustig. Ich erzählte Christoph davon. Der riss die Augen auf: „Was?! Das ist dieses Wochenende?! Da wollte ich immer schon mal hin!“ Also begaben wir uns am Sonntag in Richtung Kanamara Fertility Festival. Ohne Couchsurfer allerdings, wir hatten den Treffpunkt verpasst. 

Das Gelände war kleiner als gedacht. Mindestens 20 Menschen halfen mittels Absperrbändern den Strom der Menschen zu kontrollieren. Schon in der Warteschlange deutete sich an: Der Touristenanteil des Festivals lag bei gefühlten 80%. Menschen wie Christoph und ich versuchten hier in die Schrulligkeit eines unbekannten Landes einzutauchen: So läuft das also, in Japan. 

Wir reihten uns ein für Lollis in Penisform, gönnten uns ein Bier und beobachteten die Menge: Mädchen, die sich vor einem Stahlpenis fotografieren ließen; ein Mann, der Penisse aus Meerrettich schnitzte, kichernde Besucher, die verstohlen an Muschi-Lollis lutschten, Männer mit Penis-T-Shirts, eine Familien-Band beschallte das Gelände mit schmissigen Songs. Nach etwa 2 Stunden zogen wir wieder von dannen.


Der Tokyo-Style

Einen beigen Trench-Coat sah ich bei fast jeder Japanerin. Ich besitze nun auch einen. In Tokyo stört man sich offensichtlich nicht daran, dass alle anderen ähnlich rumlaufen wie man selbst. Das finde ich herrlich unaufgeregt im Vergleich zu Deutschland, wo man stets bemüht ist, dass am Ende des Trends noch die Einzigartigkeit zur Geltung kommt. Japan ist stilvoll, die Schuhe passen zum Rest des Outfits und zu den Accessoires, ganz gleich wie unterschiedlich oder flippig der Look ist. Der Look ist eher stimmungsabhängig als Ausdruck eines Lebensgefühls. Heute Schulmädchen-Look, morgen klassisch, übermorgen Grufti-Girl, das scheint in Japan zu funktionieren, ohne Irritation hervorzurufen. In Deutschland wäre man ein Fashion Victim.

Bei so viel Liebe zum Trend boomen Second Hand-Läden. Die Second Hand-Läden unterscheiden sich kaum von anderen in der Welt. Glänzende Pyjama-Hosen, karierte Hemden und vergilbte Leder-Mäntel. Christoph und ich wunderten uns über ein violettes T-Shirt mit Marius Müller-Westernhagen in Shimo Kitazawa. So ein T-Shirt, das ist klar, kann nur cool sein außerhalb Deutschlands. 

Shimo Kitazawa wirkte schnuckelig im Vergleich zu den großen Shopping-Zentren Ikebukuro, Shibuya und Harajuko. Kleine Straßen, Cafés, Vintage-Läden - ein Studenten- und Hipster-Stadtteil. Doch auch Harajuko hat mir gefallen: Kleine Läden, Stores wie Niko and Tokyo (Sukkulenten und Mode, ein Traum!) und John Bull, Cafés und Kunst Spots wie Design Festa findet man dort. Design Festa beherbergt ein niedliches Café und eine Galerie, wo kleine Künstler ihre Kunst zeigen können. Für Tokyo gilt: Nebenstraßen, Keller- und Obergeschosse bergen so manch eine Überraschung.

Tokyo is a city not of lines, but of layers - above and below, front and back, public and private - a city where the streets are rarely straight and mostly nameless, and where addresses are organized in circles and written in reverse. 

Charles Spreckley

Läuft man durch die Gassen, wirkt Tokyo auf einmal gar nicht so immens groß, sondern klein und ein bißchen unübersichtlich. Afuri, wo es Ramen mit einem aromatischen Zitrus-Fond gibt, fanden wir in Ebisu erst auf den zweiten Versuch in einer Nebenstraße. Das Imbiss-Restaurant ist klein, und legendär. Die Auswahl trifft man am Eingang, am Automaten, dann reiht man sich an der Theke auf und kann der Küche bei der Zubereitung direkt auf die Finger schauen.

japanisches essen (und Reflux)

Die japanische Küche ist lecker und voll Zucker und Fett. Das sei als Warnung vorweg gesagt für alle, die sich vor Kalorien fürchten oder die, wie ich, unter der Refluxkrankheit leiden. Wer am Geschmack nicht sparen möchte, kann also nur über die Menge regulieren. Pork Kakuni beispielsweise, ist Bauchspeck langsam gegart. Oft wird es mit einem gekochten Ei serviert. Hier nicht alles aufzuessen ist im besten Interesse des eigenen Magens. Christoph erzählte, er habe während seines Studienjahres in Osaka 10 kg zugenommen. Angesichts des Angebots an süßen und herzhaften Leckereien wundert mich das nicht. Das Preis/Leistungs-Verhältnis ist gut. Selber kochen? Eigentlich nicht notwendig, es sei denn, man ernährt sich vegetarisch.

You have an impeccable argument if you said that Singapore, Hong Kong, and Tokyo are food capitals.

They have a maximum amount of great stuff to eat in the smallest areas.

Anthony Boudain

Takoyaki nennen sich beispielsweise golfballgroße Bällchen aus Weizen gefüllt mit Oktopus, die Pubs wie das Gindaco servieren. Das Topping variiert: Frühlingszwiebeln oder Bonito-Flakes, rosa Saucen oder Mayonaise, dazu gibt es eingelegte Gurken mit Sesam. Zum Bier gibt es Edamame, die ich zunächst für Erbsen hielt. 

Ich tauchte ein in die Welt von Ramen, Udon und SobaWer braucht schon Sushi? Nach meinem Ausflug zur ayurvedischen Küche bevorzuge ich ohnehin Gekochtes. Die Nudelgerichte habe ich allgemein auch sehr verträglich für den Magen empfunden.

Übrigens! Auch wer nicht kocht, sollte sich den Markt in Tokyo nicht entgehen lassen. Der Tsukiji ist der größte Fischmarkt der Welt. Er ist legendär für seine Thunfisch-Auktionen. Wer als Tourist teilnehmen möchte, muss sich anmelden und früh aufstehen. Los geht's in der Regel um 4 Uhr morgens. Wenn ich sage, man solle sich den Markt nicht entgehen lassen, dann meine ich auch: Ich muss dort unbedingt noch einmal hin, denn ehrlich gesagt habe ich mich ohne Plan im Gewirr der Mini-Transporter, Gabelstapler und Fahrradfahrer nicht zurecht gefunden und nur den Outer Market besucht. Schön ist der natürlich auch!

Eine weitere Spezialität sind Gyoza, kleine gefüllte Teigtaschen, die in der Pfanne gegart werden. Wie das geht, lernten Christoph und ich in der Kochschule von Yuka. Es gibt einige Kochschulen, die ein ähnliches Programm in Tokyo bieten, oftmals kombiniert mit einem Besuch des Fischmarkts. An und für sich sind die Rezepte nicht kompliziert, doch die japanische Küche legt viel Wert aufs Detail. Die Art und Weise, wie man die Gyoza faltet (wir lernten derer zwei), ist nicht nebensächlich, ebenso wenig wie die Seite, von der die Gyoza gebraten werden. Ähnlich wie in der chinesischen Küche ist die Konsistenz von großer Bedeutung: Gyoza beispielsweise werden von einer Seite angebraten, so gibt es ein Zusammenspiel von krosser und weicher Seite. Köstlich!

„In Japan gibt es kein Toilettenpapier!“ hatte ich gehört, Metro-Fahren sei eine Katastrophe, weil man von Männern mit weißen Handschuhen in die U-Bahn gestopft würde. Schuhe aus (wie im Osten Deutschlands!), und keine Frage stellen, die das Gegenüber nicht beantworten kann – Sicherheitshalber hatte ich mir Informationen eingeholt. Schubladendenken kann hilfreich sein. Problematisch wird es ja nur, wenn man jedes Individuum hineinzupressen versucht. Gebraucht habe ich die Vorbereitung nicht, denn Japan geht nachsichtig mit Ausländern um. Wie fast jedes Land, freut man sich, wenn die Fremden versuchen, ein paar Brocken Japanisch aufzugreifen und wenn sie sich für die japanische Kultur interessieren.

Natürlich ist an den Klischees häufig auch etwas dran. Es gibt U-Bahn-Stopfer mit weißen Handschuhen und bestimmt auch die ein oder andere Toilette ohne Papier. Auch was die Etikette und non-verbale Kommunikation betrifft: Es gibt implizites Wissen, und ein scheinbar erheblicher Teil der Kommunikation verläuft zwischen den Zeilen. Ich vermute, dass vieles davon später zum Tragen kommt, wenn man länger bleibt, oder sich intensiver mit Japan auseinander setzt. Wie gerne würde ich jetzt den Kontakt zu Mayumi wieder aufleben lassen, doch ich finde ihre E-Mail-Adresse nicht mehr. Also muss ich neue Freunde finden, und neue Fragen stellen. Tokyo, wir werden uns wiedersehen!