Reise: Patagonien im Schnelldurchlauf

Im Vorfeld unserer Reise nach Chile war mir eigentlich nur eines klar: Ich wollte Gletscher sehen, und Pinguine. Der Flug von Puerto Montt nach Punta Arenas in der Mitte unseres Urlaubs und die Hostels für den Zeitraum waren das einzige, das wir noch in Deutschland gebucht haben. Was gibt es sonst noch zu berichten? Nichts, ich bin sprachlos. Dieses Licht! Diese Himmel! Diese Farben! Könnte ich hier leben? Naja, es ist verdammt kalt…

Sonnenuntergang in Punta Arenas. #no-filter!

Für unseren Patagonien-Trip haben wir genau genommen wichtige Stationen ausgelassen. Die meisten, die diese Region bereisen, machen in Ushuaia halt, der südlichsten Stadt Argentiniens, und in Calafate, der Stadt, von der aus man zum Gletscher Perito Moreno gelangt. Statt also möglichst viel in 4 Tage zu quetschen, haben wir Prioritäten gesetzt. Auch die Torres haben wir nicht gesehen, aber das ist eine andere Geschichte. Dennoch ist Patagonien für mich ein Höhepunkt der Reise. Die Landschaft ist wunderschön und die Atmosphäre der Städte herrlich entspannt. Wenn es nur nicht so frisch wäre das Jahr über, könnte ich mir glatt vorstellen, hier zu leben.

Punta Arenas

The city is remarkably relaxed and friendly.

Der Lonely Planet und ich stimmen im Urteil selten so überein, wie in diesem Fall. Von den Taxifahrern, den Kellnern, Ladenbesitzern, bis zum Hostel: Alle nett, und entspannt. Der Taxi-Fahrer sagte uns, Punta Arenas sei die Stadt mit der geringsten Kriminalität ganz Chiles. Nur wenn doch einmal etwas passiert, dann drehten die Leute richtig durch, so dass man es später in der Zeitung lesen könne. Wir erreichten Punta Arenas am frühen Abend und checkten im Hostel Costanera del Estrecho ein, und ich fühlte mich gleich wohl. Das Hostel ist klein, voll, und familiär, besonders, wenn man wie wir sein Zimmer gegenüber der Küche hat. Vom Zimmer aus hörte man den Gast aus Australien, der am Küchentisch ermattet einen Rotwein trank und stöhnte, drum herum kochten drei Mädels ein Abendessen mit viel Knoblauch und unterhielten sich laut auf Spanisch. Das Wohngefühl entsprach eher einer WG, als einem Hostel, und das gefiel mir.

Im Restaurant Damian Elena speiste ich das ungewöhnlichste Hauptgericht des Urlaubs: Ein Thunfisch-Steak in herrlich würziger Kruste mit einem Bananen-Avocado-Salat, der mich erst stutzig machte, aber dann begeisterte. Wir kamen um 20h, das Restaurant hatte gerade geöffnet. Man war überrascht, platzierte uns aber sogleich an einen Tisch. Wer dieses Restaurant eingerichtet hat, hatte ein Händchen dafür: Nicht jedem gelingt die Kombination unterschiedlicher Farben und Stile gut, oft wirkt es in meinen Augen gewollt und unbeholfen. Speist man antizyklisch wie wir, hat man das Glück, dass der Kellner Zeit für einen hat. Dann erzählt er einem, dass er als Teenager einen Schulaustausch in Ahaus bei Münster gemacht hat, und dass es ihm dort gefallen hat. Nach dem Essen streiften wir noch ein wenig durch die Straßen und die Uferpromenade entlang. In Patagonien, so habe ich das Gefühl, wird es zu dieser Jahreszeit gar nicht richtig dunkel. Die Abendsonne taucht die Straßen in wundervolles goldenes Licht.

Am folgenden Morgen erkundeten wir die Stadt. Punta Arenas ist klein, doch es gibt ein Zentrum mit einigen Geschäften. Wie in vielen Städten ist der zentrale Platz die Plaza de Armas. Sie zeigt, dass Punta Arenas einst ein wichtiger Hafen für die internationale Schifffahrt war. Und für die Schafzucht. Einige imposante Bauten zeugen davon. Und noch immer zählt cordero zu den kulinarischen Spezialitäten der Region.

Pinguine

Am Nachmittag brachen wir auf zu einem Ausflug zur Isla Magdalena. Einmal am Tag dürfen Besucher auf die Pinguin-Insel. Die Isla Magdalena liegt etwa 32km von Punta Arenas entfernt in der Magellan-Straße: Eine 2stündige Bootsfahrt bringt Touristen zur Insel und bringt sie nach etwa einer Stunde Aufenthalt wieder zurück. Ein Buch und Snacks rate ich für die Überfahrt dabei zu haben, denn außer Wasser und Wind gibt es nicht viel zu sehen. Entweder man lässt sich also von der rauen See betören oder lenkt sich entsprechend ab.

Auf der Insel selbst darf man von einem durch Seile begrenzten Weg aus die Magellan-Pinguine bewundern, die hier zum Brüten herkommen. Mehr als 60 000 Pinguine brüten hier, sagen verschiedene Internet-Quellen. Viele sind es auf jeden Fall: Pinguine so weit das Auge reicht. Man muss sie einfach lieben! Schon in Südafrika hatte ich mir 2015 Pinguine angesehen. Die Pinguine haben Vorfahrt erklärt ein Schild am Eingang und man ist angehalten, sich zu gedulden, wenn sie den Weg überqueren wollen. Was für ein herrliches Schauspiel ist es, den Pinguinen bei diesem Spektakel zuzusehen. Ein wenig Scheu haben sie, doch nach kurzer Zeit begreift man genau, wenn sich ein Pinguin dem Weg nähert, sein Tempo drosselt und abwartend von einer Seite zur anderen blickt. Ich lasse vor und spreche Mut zu, und habe am Ende des Tages das Gefühl, einer Hand voll Pinguinen bei diesem Manöver geholfen zu haben – als Dank dafür, dass ich ihre Nistplätze und Babies fotografieren durfte.

Nach der Pinguin-Tour ließen wir uns vom Taxi zum Hostel bringen, schnappten uns die Rucksäcke und eilten weiter zum Busbahnhof. Nach nicht einmal 24h Stunden verließen wir Punta Arenas in Richtung Puerto Natales. Im Bus: Lauter bekannte Gesichter. In Patagonien, so scheint es, wollen alles das gleiche: Pinguine, Gletscher & Torres del Paine. Wir waren keine Ausnahme. 

Puerto Natales

In Puerto Natales ist jeden Tag Sonntag, und zwar bis etwa 18 Uhr. Bis dahin ist die Stadt wie ausgestorben, denn alle sind draußen, irgendwo in der patagonischen Wildnis. "Gore-Tex mecca", nennt der Lonely Planet Puerto Natales, und auch da teile ich sein Urteil. Wir quartierten uns im Hostel The Singing Lamb ein. Das Hostel-Team ist so freundlich, dass es einst dafür ausgezeichnet wurde. Auf jeden Fall sind sie tiefenentspannt. Das Hostel beherbergt einige Zimmer und die Fluktuation der Gäste ist erheblich. Viele brechen von hier zu Trekking-Touren in den Nationalpark Torres del Paine auf, zum W-Circuit, oder erkunden mittels Tagestouren die Gegend. Das Hostel vermittelt Touren, von denen wir zwei in Anspruch nahmen, es gibt aber auch etliche Anbieter in der Stadt, die ebenfalls Touren anbieten.

Wir nutzten den ersten Tag, um Wäsche zu waschen und die Stadt zu erkunden. Etwas Wehmut ist dabei, in diesen fernen Ecken der Welt, die Wind und Wetter ausgesetzt sind, vor allem, wenn sie wie Puerto Natales in einer Provinz liegen, die den Namen Última Esperanza / letzte Hoffnung trägt – nach dem Fjord Última Esperanza in dessen unmittelbarer Nachbarschaft die Stadt liegt. An der Costanera, in die Windjacke gehüllt, fragt man sich: Was braucht es schon wirklich zum Leben, außer Natur, die Liebe, einen heißen Tee und dieses Licht? Essen vielleicht, denn wir speisten im Cangrejo Rojo ein derart köstliches Ceviche mit Meeresfrüchten, so dass ich spontan beschloss, mich nur noch davon zu ernähren.

Puerto Natales ist ein entspanntes Städtchen für Outdoor-Fans

Dank des Tourismus hat Puerto Natales eine recht gute Struktur an Restaurants, Cafés und Läden. Wer des Toasts mit Marmelade überdrüssig ist, den es in Chile traditionell zum Frühstück gibt, der kann zum Beispiel in der Creperia süße und herzhafte Crèpes essen und bekommt dazu einen Kaffee, der ganz okay ist. Chile bleibt jedoch ein Land des Tees, und die Auswahl von beidem ist in der Creperia umfangreich.

Torres del Paine & die Gletscher

Eigentlich sollte man wandern. Wer Patagonien im Schnelldurchlauf macht, hat jedoch wenig Zeit, und so entschieden wir uns für eine geführte Tagestour zum Nationalpark Torres del Paine ohne wandern, aber mit der Cueva del Milodón. Beim Frühstück im Hostel trennte sich so schon einmal die Spreu vom Weizen: "Are you doing the W-Trek, too?", bedeutete so viel wie: Bist du eine von uns? und die Antwort: "No, we'll just do a day trip, we're short of time.", hieß so viel: Nein, tut mir leid, sprich mit jemand anderem.

Unsere Tour begann um 8 Uhr. Müde und dem Wind strotzend bestiegen wir den Bus. "We don't like arcoíris / rainbows, because rainbows mean rain!", erklärte unsere Tour-Guide Natalia, "… but we love wind! Wind means the clouds will go away.". Wir nickten und blickten fröstelnd und unsicher auf die dichte Wolkendecke über uns. Das Wetter ist unbeständig in Patagonien, und auch wenn sich die Wolkendecke zwischenzeitlich lichtete, die Torres bekamen wir an diesem Tag nicht zu sehen. Ich finde dies schade, aber nicht allzu tragisch. Mir haben immer die Nationalparks am meisten gefallen, die einen daran erinnern, dass die Natur ein Eigenleben führt. Wer sich auf die Suche begibt, muss sich an ihre Regeln halten, und es braucht ein wenig Glück und Geduld. Vielleicht öffnet sich die Wolkendecke, vielleicht kreuzt ein Puma den Weg an der Stelle, wo man sich in froher Erwartung aufgebaut hat – vielleicht aber auch nicht. Auf jeden Fall sieht man Guanacos, was das chilenische Äquivalent zum afrikanischen Warzenschwein zu sein scheint: Es ist das erste Tier, das man im Nationalpark sieht, dementsprechend verballert man seine ersten 50 Bilder auf dieses Motiv – nur um dann festzustellen, dass einem alle paar Meter ein Guanaco begegnet.

Wir fotografierten durch den Nieselregen und gegen den Wind, und am Lago Grey kehrten wir auf halber Strecke um, da der Wind zu heftig war. Dem Hinweis-Schild, man möge bei starkem Wind im Auto bleiben, für alte Menschen und Kinder sei der Wind oft zu schwer zu bewältigen, habe ich erst dort wirklich Glauben geschenkt. Gelohnt hat es sich trotzdem. Diese Pastell-Töne, grün und braun in allen Facetten, das ist es, was mich auch an der Mongolei fasziniert, sagte ich zu Daniel. Hier, in Patagonien, spricht man zumindest eine Sprache, die ich verstehen kann. Vielleicht kehre ich einfach noch einmal nach Patagonien zurück, statt in die Mongolei zu reisen?

Eine Bootstour zu den Gletschern Serrano und Balmaceda stand für den folgenden Tag auf unserem Patagonien-Schnell-Programm. Als wir nach unserer Rückkehr aus Patagonien im Rest von Chile davon erzählten, war die Reaktion eigentlich immer die gleiche: "Ahh! Whisky con hielo del glacial! / Whisky mit Gletschereis!", raunten alle. Und so war es. Billig-Whisky mit Gletschereis auf dem Boot und trockenes Lamm zum Mittag bei der Estancia Perales: Ich fühlte mich an Kaffeefahrten erinnert, einzig das Verkaufsprogramm fehlte. Man sollte dem Rahmenprogramm dementsprechend nicht zu viel Bedeutung schenken, denn eigentlich geht es ja um eines: Um das ewige Eis.

Ewig ist das Eis allerdings nicht mehr, denn die Gletscher Balmaceda und Serrano gehen wie so viele Gletscher auf der Welt zurück. Mit etwas Sarkasmus möchte ich sagen, dass dies der Grund war, weshalb ich mich gegen einen Ausflug zum Perito Moreno Gletscher entschieden habe. Den gibt's vielleicht noch länger, dachte ich.

Die Bootstour war amüsant und beeindruckend: Wir nahmen Platz an einem Tisch auf dem Boot und teilten ihn mit einer fröstelnden Amerikanerin, drei chilenischen Studenten aus Santiago und einem italienischen Rentner-Paar, das mit dem Motorrad die Welt bereiste. Zunächst tauschten wir nur Höflichkeiten aus, erst nach dem Gletschereis-Whisky wurden wir warm miteinander. Das italienische Paar zeigte Fotos von weltumspannenden Touren mit dem Motorrad und die Jugend lauschte mit kindlicher Begeisterung. Wenn ich einmal 70 bin, möchte ich auch den Mumm haben und die finanziellen Mittel, um im Motorrad mit Beiwagen über die Kontinente zu brausen.

Die Amerikanerin, eine Ärztin im Assistenz-Jahr ("Can I ask you something?… Is it really like Grey's Anatomy, with everyone making out?" – "I wish it was!"), wurde umgarnt von einem der Studenten, doch der Funke wollte nicht überspringen. Daniel und ich bekamen Tipps, wo es in Santiago den besten Terremoto zu trinken gibt, und am Ende des Ausflugs verabschiedeten wir uns mit Küssen und Umarmungen. 

Dazwischen sahen wir Gletscher. Anders als am Lago Grey im Torres del Paine ragten hier nicht tiefblaue Eisbrocken unwirklich empor. Doch zu sehen, wie sich das Eis über den Fels ins Wasser schiebt, mit all seinen Facetten, beeindruckte mich tief. Am Serrano-Gletscher, der in einen See mündet, herrschte eine friedliche Stille. Die Luft war mild, einzig die Touristen wuselten und schoben sich ungeduldig Richtung Gletschermündung. Mich beeindruckt die Ruhe, mit der die Gletscher ihre Kraft ausspielen. Unbemerkt, nahezu unbeweglich. Erhaben, und doch immer unterschätzt, ebenso wie ihr Rückzug. Wie lange wird es sie in der Form wohl noch geben?

Nach 4 Tagen verabschiedeten wir uns von Patagonien und flogen zurück nach Puerto Montt, zurück in die Region der Flüsse und Seen. Schön war es!