Reise: Temuco & ein Ausflug zum Rand des Vulkans Llaima

Der Nationalpark Conguillío am Fuß des Vulkans Llaima ist das erste Ziel unserer Reise in den Süden Chiles. Wir nehmen die Stadt Temuco als Ausgangspunkt für unseren Ausflug. Temuco ist das Zentrum der Region IX. Araucanía und der Mapuche Indianer, die sich der spanischen Kolonisation lange widersetzten. Ein angenehmes Städtchen mit einer guten Infrastruktur, einem schönen Markt und kulturellem Leben. Könnte ich in Temuco leben? Ja! Wer könnte nein sagen bei so einem schönen Nationalpark in der Nähe?

Melipeuco: Der Vulkan Llaima und der PN Conguillío

Hospedaje Arrayán B&B

Ein kleines, stilvoll eingerichtetes Hostel in Temuco mit zentraler Lage. Die Gastgeber sind herzlich und das Ambiente familiär. Hier haben wir uns bestens aufgehoben gefühlt! Buchungen über Booking oder direkt über ihre Webseite:

Turismo TrufulCo

Touren unterschiedlicher Art in den Nationalpark Conguillío, Transfer zum Park, Cabañas für Übernachtungen – das alles gibts bei TrufulCo, familiär und persönlich, über Facebook:

Wir erreichen Temuco spät am Abend. Sebastian vom Hostel ist so nett und organisiert uns noch am Abend eine Tour zum Nationalpark Conguillío für folgenden Tag. Ich erwarte mir viel von dieser Tour: Seen am Fuße des Vulkans und wunderbare Farben verspricht das Internet. Renato von TrufulCo sammelt uns um 9h direkt am Hostel ein.

Parque nacional Conguillío

Renato ist ein Mann mit vielen Fähigkeiten. Bevor er sich mit TrufulCo selbständig machte, arbeitete er in Santiago in der Werbebranche. Der Tourismus sei in Chile noch nicht weit entwickelt, sagt er, die Leute glaubten, Tourismus bestünde darin, die Menschen von A nach B zu fahren. Renato weiß, dass das nicht alles ist: TrufulCo formt die Touren nach persönlicher Vorliebe: "¿Quieren caminar o ver lugares?  Wollt ihr wandern oder Orte sehen?", fragt er uns beim Begrüßungs-Kaffee und Kuchen in seinem Büro in Melipeuco, das die erste Station des Ausflugs ist. Wir wählen Orte: Die Zeit ist knapp.

Melipeuco ist ein kleines Nest ca. 12km vom Eingang des Nationalparks entfernt. Im Hintergrund leuchtet der Schnee bedeckte Vulkan Llaima, der als einer der aktivsten Vulkane Chiles gilt. Etwa alle 8 Jahre, sagt Renato, bricht er aus. Der letzte Ausbruch war 2008. Für einen kurzen Moment finde ich das beunruhigend. Wir steigen in den Jeep und treten unsere Tagestour an. Renato fährt, auf dem Beifahrersitz sitzt sein Sohn Renato, mit dem er einen Großteil seiner Touren organisiert; auf der Rückbank sitzen Daniel & ich und Renatos Tochter Camila. Eigentlich studiert sie in Temuco, an diesem Nachmittag begleitet sie uns mit der Kamera. Die erste Station ist ein kleiner Wasserfall außerhalb des Nationalparks. Renato zeigt uns die lokale Flora & Fauna. Bimsstein, Fuchsia magellanica, Boldo und einige Pflanzen mehr, die von den Mapuche Völkern für ihre Küche und Heilkunst verwendet werden.

Am Rande eines Lavafelds führt Renato uns zu einem kleinen Bach und bittet uns, die Schuhe auszuziehen und mit ihm die Knöchel im Wasser zu kühlen. Ein wenig Geheimniskrämerei ist dabei, und kurze Zeit später stehen wir alle Hand in Hand mit den Knöcheln im Wasser. Sofort wird klar, was der Grund für die Verschwiegenheit ist: Das Wasser ist arschkalt. Ernsthaft kalt. Daniel und ich flüchten nach dokumentierten ca. 4 Sekunden ans Ufer. Wie kalt ist es? Einstellige Gradbereiche, sagt Renato, die genaue Temperatur kennt er nicht. Er lacht, dann gibt er uns einen Tipp: "Man kann das trainieren, in dem man die Aufmerksamkeit auf die Körpermitte lenkt". Doch so leicht lässt sich mein Geist nicht überlisten. Jetzt, da wir wissen, wie kalt das Wasser ist, schmerzen meine Knöchel nach 2 Sekunden. Für die Venen ist es bestimmt prima, die Luft hat sich erhitzt auf 30°C. Renato erzählt von der wunderbaren Wirkung, die das Wassertreten für den Körper hat, ich erzähle vom Kneippen.

Im Nationalpark selbst machen wir Halt bei der Laguna verde, der grünen Lagune. Renato Jr. führt uns herum und zeigt uns einige Details und Entdeckungen, die er gemacht hat. Wir erklimmen ein paar Klippen, erfrischen uns an einem kleinen Wasserfall und beobachten ein paar Angler. Und wir sammeln Müll. Es ist ernüchternd, wie angesichts solcher Naturschönheit immer wieder Cola-Dosen, Zigaretten-Packungen und Plastiktüten zurückgelassen werden. Am Ende haben wir eine pralle kleine Tüte, nur dadurch, dass wir nebenbei das eingesammelt haben, das unser Blickfeld gekreuzt hat. Wir sind froh, etwas aufgeräumt zu haben, und hungrig. Renato führt uns zur Playa Linda, zum schönen Strand, wo wir picknicken wollen. Das Picknick ist reichhaltig mit Yoghurt, hartgekochtem Ei, einem Sandwich und Schokoriegeln. Im Schatten der Bäume blicken wir auf die Playa Linda, die nicht zum Baden da ist, und akklimatisieren uns.

Eine weitere Attraktion des PN Conguillío ist die Laguna Arcoíris. Arcoíris heißt Regenbogen in Castellano, und man begreift sofort, was das Besondere ist, wenn man in das Wasser der Lagune blickt. Das Wasser ist glasklar und schillert blau, türkis und gelblich und gibt den Blick frei auf zahlreiche Baumgerippe, die am Grund des Sees liegen und teilweise noch herausragen. Ich fühle mich an ein Kaleidoskop erinnert. Beeindruckt und ratlos finde ich mich in solchen Momenten, wo man nichts anders tun kann, als das Schöne ansehen. Weder die Beschreibung, noch Fotos können die Schönheit des Augenblicks wirklich wiedergeben. Das ist schwer auszuhalten, also so versuche ich es trotzdem:

Im Herbst, wenn das Laub der Bäume rot-orange gefärbt ist, dann entfaltet die Laguna Arcoíris ihre ganze Wirkung. Der ganze Park, vermute ich, tritt dann noch einmal ganz anders auf. 

Wir lassen unsere Tour durch den Nationalpark Conguillío ausklingen mit einem Bad im Lago Conguillío. Auf einmal treffen wir auf viele Menschen. Am See ist eine Lodge mit Campingplatz, ein Restaurant und ein Badestrand mit spektakulärer Aussicht. Während man ins kühle Wasser steigt, blickt man in der Ferne auf die Sierra Nevada. Es fühlt sich absurd an, sich bei 30°C aus der schwitzigen Jeans zu schälen und auf Schnee bedeckte Wipfel zu blicken. Ich springe in meinen Badeanzug mit Querstreifen, den ich am Morgen im Tante Emma-Laden in Melipeuco gekauft habe. Querstreifen… was sagt frau dazu? Hier sind ein paar Fotos vom See:

Nach einem kurzen Bad kehren wir zurück zum Büro von TrufulCo in Melipeuco. Renato arbeitet nahezu rund um die Uhr, und so stellt er sich spontan zur Verfügung, als eine Gruppe junger Leute einen Transfer zum Park benötigt. Wir, die wir nach Temuco zurück wollen, versprechen zu warten. Wir haben keine Eile und überlegen uns, in Melipeuco zu Abend zu essen. In einem kleinen Restaurant mit Terrasse sind wir zu der Zeit die einzigen Gäste. Wir gönnen uns eine Cazuela, Humitas und kühles Bier, und gesellen uns später zu Renatos Kindern, die auf einer Bank im Park wie wir auf die Rückkehr von Renato warten. Camila zeigt Fotos von Cupcakes, die sie gebacken hat, Renato spielt ein paar Töne auf der Gitarre. Das hat er sich selbst beigebracht, sagt er, auf youtube. Als wir Temuco am Abend erreichen ist es bereits dunkel.

Temuco

Mit ca 300.000 Einwohnern ist die Stadt in etwa so groß wie Münster. Irgendwie finde ich Temuco charmant: Das Klima ist angenehm, es gibt eine Universität, ein bisschen kulturelles Leben, einen schönen Markt und ein berauschendes Umland. Das sahen im 19. Jahrhundert scheinbar viele Deutsche auch so, denn Temuco und Umgebung wird auch als das Zentrum der deutschen Einwanderungskultur in Chile bezeichnet (oft allerdings auch Valdívia, das wir uns ebenfalls ansehen wollen).

Temuco ist angeblich die am schnellsten wachsende Großstadt Chiles, unser Reiseführer lobt, sie habe sich dennoch den ländlichen Charme bewahrt. Ich bin nicht sicher, ob es wirklich ein Lob ist, denn auch andere beschreiben Temuco nicht als Schönheit. Das ist wahr, schön ist sie nicht, doch im Vergleich zu Valparaíso deutlich aufgeräumter und ruhiger. Ich glaube, es ist die Mischung, die mir gefällt. Man kann sogar Fahrrad fahren, theoretisch. Hier könnte ich leben, denke ich mir.

Obst und Gemüse würde ich auf dem Lebensmittelmarkt Feria Pinto, in der Nähe des Stadt-Zentrums, kaufen. Mein Herz erwärmt sich angesichts der Fülle des Angebots: Riesige Wassermelonen, Obst und Gemüse in rauen Mengen, deren Duft jeden Gang in ein bestimmtes Aroma tauchten. Vielleicht hätte ich ein Moped, obwohl ich so etwas nicht viel gesehen habe in Chile. Daniel und ich könnten ein Café haben mit kuchenes de fruta.

Der bekannteste Markt für Touristen ist der Mercado Municipal im Zentrum der Stadt. Hier gibt es Kunsthandwerk. Man streift man durch die Gänge auf der Suche nach Schüsseln, Wollenem oder Tongefässen, begleitet vom Gepfeife kleiner Flöten, die hier als Souvenirs an Kinder verkauft werden und deren Ton aus jedem Gang mehrfach schallt, wie ein schlecht abgestimmtes Schulorchester. Dazwischen befinden sich kleine Restaurants, in denen man bodenständig und lecker speisen kann.

Vom Stadtpark Cerro Ñielol aus hat man einen herrlichen Blick über die Stadt. Der Zugang zum Park ist von 8-10 Uhr für die Bewohner Temucos gratis. Dann kann man dort joggen gehen oder sich auf den Fitnessgeräten auf dem Gipfel sportlich zeigen. Danach kostet der Aufstieg zwischen $1.000 - $2.000 CLP (also ca. 2,50€), je nach dem, ob man Chilene ist, oder Ausländer. 

Temuco, es war schön bei dir! Vielleicht komme ich wieder!

Temuco, der Blick vom Cerro Ñielol