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Chile: Valparaíso, das Street Art Paradies

"Syncopated, dilapidated, colorful and poetic, Valparaíso is a wonderful mess.", sagt der Lonely Planet. Man kann ihm recht geben: Die Stadt ist lebendig und bunt, und gleichermaßen schmuddelig. Street Art steht hier hoch im Kurs und die Porteños mögen sie. Mit ihren Cerros erinnert die Stadt gelegentlich an San Francisco oder Lissabon. Vom Stadtbild gleicht sie laut dem Guardian eher einer kleinen Version von Berlin. Daniel & ich treffen Verwandte und akklimatisieren uns auf der Terrasse. Würde ich in Valparaíso leben wollen? Eher nicht.

Blick von den Cerros auf Valparaíso

Das erste Wort, das ich in Chile lerne, ist polola. Das bin nämlich ich: Daniels Freundin. Daniel hat Familie in Valparaíso, und anlässlich unseres Besuchs kamen am Sonntag alle beim Fünf-Uhr Tee zusammen. Frisch gebackenes Brot, Avocado-Mus, kleine Zimtschnecken mit einer Rosine in der Mitte, ein leichter Rührteig-Kuchen, sowie schwarzer Tee und Bier wandern auf den Tisch. Wir blickten von der sonnigen Terrasse auf das am Fuße der Hügel liegende Valparaíso und die Küste und seufzten. "¡Que malo es Chile!", sagte Poncho, der Bruder von Daniels Tante. “Sí, nos gusta tampoco, el Chile…“, pflichtete Daniel ihm bei. Alle lachten. Ich schmunzelte und dachte an meinen Freund Steffen, der kulinarische Ereignisse dieser Art auch gerne mit einem tiefen Seufzer und einem "Hach, geht's uns schlecht." würdigt.

Der Tee um 17h hat eine lange Tradition in Chile, und man sollte wissen, dass er Once heißt. Once bedeutet wörtlich 11. Angeblich rührt dies daher, dass der Tee ursprünglich einmal um 11 Uhr getrunken wurde. Das klingt unspektakulär, und so erzählt man, dass Once für die 11 Buchstaben des aguardiente stehe: Tomar once ist demnach der erste Moment des Tages, an dem man sich einen Schluck Schnaps im Kreise der Lieben gönnen darf. 

Valparaíso

Think mini Berlin by the seaside

sagt der Guardian

Meiner Nase fällt zunächst einmal eines auf: Es riecht nach Pisse, an jeder zweiten Straßenecke. In einer Stadt mit vielen Straßenhunden ist das wohl so. Stoisch liegen sie an Straßenecken oder hinter Parkbänken, taumeln über die Hauptstraßen oder schlängeln sich an Fußgängern vorbei. "Du kannst da keinen Luxus erwarten.", hatte Daniels Mutter mich vorgewarnt. Den gibt es vermutlich zwar, jedoch nicht für alle erreichbar. Grundsätzlich ist das überall so, tatsächlich ist dies in Valparaíso spürbarer für mich, als in Deutschland. "Se dice que Hamburgo es la ciudad con más millonarios por kilómetro cuadrado.", sagte Francisco, von Fábrika, bei dem ich einen Druck kaufte, als ich ihm sagte, dass es sich in Hamburg gut leben lässt. "Ja…", antwortete ich, "…aber das bedeutet nicht, dass wir alle Millionäre sind." Wir lachten. So ist das, natürlich.

Das zweite, das mir ins Auge fällt, ist Street Art. Kein Wunder, Lateinamerika hat mit seinen murales eine ganz eigene Tradition an Wandmalereien. Graffitis an fremde Wände zu malen, ist allerdings auch in Chile verboten. In einem Interview hörte ich jedoch, dass die Porteños allgemein recht offen sind gegenüber Street Art. Fragt man sie, ob man ihre Wände bemalen darf, zeigen viele sich meist einverstanden. Verbotene Tags gibt es natürlich trotzdem an jeder Ecke, wie uns Manuel von Valpostreetart.com erzählt. Manche Häuser, sagt er, würden alle 2 Tage geweißt und wieder mit Tags versehen – Street Art ist eine flüchtige Kunst. Wer wie wir mit Manuel eine Führung durch die Cerros Alegre & Concepción macht, erfährt, wer die Künstler sind, die hinter den Werken stecken, und einiges über Bedeutung und Stilrichtungen ihrer Kunstwerke. Gute 2 Wochen Arbeit bedeutet ein Wand füllendes Graffiti. Vorbereitung mittels Skizzen und Teamarbeit sind Voraussetzung, denn der Künstler an der Wand hat keinen Überblick über das gesamte Werk. Er oder sie braucht jemanden, der mit etwas Abstand die Richtung weist. Viele Kunstwerke sind also das Ergebnis von Kollaborationen. Street Art in Valparaíso findet man zB von Un color distinto, IntiLRM oder Cekis – und natürlich unzähligen anderen.

Mini-Berlin also? Der Guardian zieht den Vergleich dank bröckliger Fassaden und einer lebendigen Subkultur. Spürbar wird dies vor allem auf den beiden Cerros Alegre und Concepción. Die Subkultur vermischt sich hier mit Touristen-Volk. Ehemalige teils herrschaftliche Wohnhäuser werden umfunktioniert zu Atelier- & Laden-Gemeinschaften. Inmitten dessen fanden wir ein Yoga-Zentrum mit ayurvedischem Mittagstisch – wer hätte das gedacht, mitten in Valparaíso. Vermutlich zu recht beklagen sich die Porteños, Valpo sei mehr als das – insgesamt gibt es nämlich 42 Cerros. Der Cerro Cárcel mausert sich, wie es heißt, dank des Parque Cultural, der neben dem Parkgelände auch ein Gebäude für Konzerte, Tanz und Ausstellungen beinhaltet. Wir sahen eine schöne Ausstellung von Vivian Maier, genossen die Ruhe und den herrlichen Blick über die Stadt.

Einen herrlichen Blick über Valparaíso hat man auch im Restaurant des Hotels Fauna. Der Pisco Sour ist köstlich. Solltet ihr in der Stadt sein, lege ich Euch nahe, hier zum Once oder Aperitif einzukehren, denn das Essen ist ansonsten mittelmäßig. Insgesamt, bemerke ich, muss ich kulinarisch in Chile umdenken: Statt des von mir so geliebten Kaffees, ist in Chile Tee angesagt. Statt leichter Küche, die ich sonst bevorzuge, schmeckt hier am besten die empanada de queso y camarón um die Ecke. Auf den ersten Blick scheint die chilenische Küche nur aus Fleisch und Pommes zu bestehen, so wie bei der Chorrillana, einem Berg aus Pommes, Fleisch, Zwiebeln und Spiegelei. Doch gerade darin liegt manchmal die Überraschung: Der chilenische Hot Dog beispielsweise, der completo, kommt mit frischen Tomaten und Avocado daher und schmeckt ohne Mayonnaise sogar mir. 

Man fragt sich, weshalb die Küche so fleischhaltig ist, denn in Valparaíso gilt, was auch am Mittelmeer seine Gültigkeit hat: Auf dem Mark gibt es frisches Gemüse in rauen Mengen und zu einem – im deutschen Vergleich – unschlagbaren Preis. Zum Asado, dem chilenischen Barbecue, gibt es bei Daniels Familie zum Fleisch diverse frische Salate, so wie Pebre, den chilenischen Dip schlechthin, mit Zwiebeln, Tomaten und frischem Koriander. Zur Einstimmung bekommen wir die klassischen empanadas de pino serviert - dies ist, im Vergleich zu dem, was ich in Restaurants hier gegessen habe, deutlich leckerer.

Wer der Stadt den Rücken kehren und sich an den Strand flüchten möchte, wir feststellen, dass es auch dort voll ist. Neben Valparaíso liegen die Städte Viña del Mar, Reñaca und Concón, an deren Strände man sich sonnen oder in der Brandung ein wenig abkühlen kann. Baden ist nicht angesagt, die starke Brandung ist höchstens für Surfer attraktiv. Das sei nicht immer so gewesen, heißt es beim Asado, und das mag wahr sein, oder aber die chilenische Version der Überzeugung, dass früher alles besser war. Ich habe sicherlich schönere Strände gesehen, die Kraft der Wellen war jedoch beeindruckend, ebenso wie das Geräusch des über die Steine zurück fließenden Wassers in Concón.

Wir werden gegen Ende unserer Reise noch einmal nach Valparaíso zurückkehren. Als nächstes zieht es uns in Richtung Süden, zu den Nationalparks und deutscher Auswanderungskultur. Kuchenes essen und uns daran erinnern, dass Deutschland nicht nur ein Einwanderungsland, sondern auch ein Land mit Auswanderern ist. Gerade in der letzten Woche habe ich wieder viel gehört über typisch chilenische Gepflogenheiten und Begriffe, die nur Chile verwendet. Und doch: Die Menschen haben sich immer bewegt, aus den unterschiedlichsten Gründen. Sie wanderten aus nach Deutschland, oder kamen nach Chile. Sie tauchen ein in die andere Kultur und bringen ihre eigene mit. Es ist ein Wechselbad der Gefühle, das wissen vor allem diejenigen, die zwischen den Kulturen aufgewachsen sind. 

P. S. Einen Trend gibt es übrigens in Valparaíso und Berlin gleichermaßen – und vermutlich noch in vielen anderen Teilen der Welt: Craft Beer ist auch hier derzeit schwer angesagt. "Gibt es Hipster in Valparaíso?", fragen wir Diego, Daniels Cousin, denn wir wollen es genau wissen. "Ja", sagt er, "…doch nicht so viele, und sie tragen keinen Hipster-Bart."

Na dann, vielleicht doch: Valparaíso, ein mini Berlin by the seaside.