"Disziplin ist die Fähigkeit, sich zu merken, was man will."

Kürzlich war ich auf der Lesung meiner Freundin Inka in meiner Heimatstadt. Dies hat mir vor bewusst gemacht: Niemand hat etwas davon, wenn ich mich verhalte, als hätte ich nicht die Refluxkrankheit – am wenigsten ich. Und wenn man, wie ich, Schwierigkeiten mit der Selbstdisziplin hat, dann hilft nur eines: Üben, viel üben. Auf ein Neues!

Auf ihrer Lesung erzählte Inka, wie sie sich nach der Transplantation daran gewöhnen musste, die Krankheit hinter sich zu lassen und ein gesundes Leben zu führen. Ich erinnere mich, wie sie mir nach dem plötzlichen Tod meines damaligen Freundes sagte: "Eike, das bist nicht du, es ist nur ein Teil deiner Geschichte. Es ist nicht das, was dich ausmacht, auch wenn es dir so vorkommt." Ich fand dies damals unglaublich heilsam, weil es mir bewusst machte, dass unsere Erfahrungen lebensbestimmend, manchmal auch einschneidend sind, dass wir ihnen aber nicht schicksalshaft ergeben sind. Wir tragen Verantwortung für unser Leben, und auch wenn wir nicht wissen, was die Zukunft bringt, so können wir sie doch mit gestalten. Wenn ich also nicht möchte, dass die Refluxkrankheit mein Leben bestimmt, so muss ich etwas tun.

Die Opferrolle zu verlassen ist manchmal gar nicht so einfach: Eben, auf einer Feier zum Beispiel, als mein Magen signalisierte, es reicht ihm jetzt mit Käsekuchen, Chips und Bier. Ich zog mich (beleidigt) zurück, raufte mich zusammen, kochte mir einen Kamillentee und mischte mich wieder unter das Volk. "Ist das Wodka?" – "Nein, Kamillentee." (Wer möchte mit mir und meinem Beutel anstoßen?). Kurz Stille. Ich habe das Gefühl mich erklären zu müssen und tue das auch. Ich armes Ding, dachte ich mir. Oder neulich auf der Couch: Ich war erschöpft vom Tag und fand ich könne mir was gönnen. Kamillentee? Trinke ich jeden Tag. Also fragte ich Daniel, ob ich den Rest Schokolade aufessen könne, der da seit Tagen bei uns im Wohnzimmer lag. Zack, 2 Laktosetabletten und 2 Stunden später war die Schokolade weg und mir ging es elend. Schokolade ist böse:

Schokolade ist schlecht für Reflux.

Tatsächlich habe ich in den letzten Jahren sehr, sehr wenig Schokolade gegessen. Es ist fast das einzige, woran ich mich gehalten habe – und auch diese Stücken neulich haben sich nicht gelohnt. Kuchen: Schon schwieriger. Ich habe eine Technik ausprobiert, mit der man lernt, sein Verhalten zu ändern. Das geht so: Man schreibt sich einen schlauen Spruch auf einen Zettel und überlegt sich, wie man das, was man sich dort vornimmt, erreichen möchte. Diesen Zettel (oder diese, je nach dem, was man mit sich so vorhat) schaut man sich jeden Tag 3x für 7 Minuten an:

Keinen Kuchen mehr mit der THINK!-Methode

Die Backkünste meiner Kollegen sind großartig. Der Grund für meine Verdauungsprobleme ist, dass ich nie so genau weiß, was drin ist, mit der Ausnahme, dass es auf jeden Fall zu viel Zucker und meistens auch Laktose ist. Ich nehme mir also vor:

  • Wenn mir jemand etwas anbietet, sage ich: "Nein, danke! Lieb, dass du an mich gedacht hast, aber ich möchte gerade nichts essen."
  • Ich erinnere mich daran, dass es gut für meinen Magen ist, ihm 4-5 Stunden Ruhe zu gönnen zwischen den Mahlzeiten.
  • Ich habe Nüsse parat, falls es gar nicht anders geht.

Klingt simpel. Was soll ich sagen? Ich übe noch. Warum es so schwer ist, weiß Dan Ariely zu beantworten, auf den ich bereits an anderer Stelle einmal verwiesen habe. 


Die hier beschriebene Methode (übrigens die "THINK!-Methode von Matthias Büttner) hilft tatsächlich ganz gut, vermutlich, weil mit der täglichen Wiederholung bereits das tägliche Erinnern an die Ziele ritualisiert wird. Schafft man es, dieses Ritual zuverlässig aufrechtzuerhalten, gelingen einem auch die anderen Vorhaben besser. Mich erinnert dies an Techniken, die wir bei der Arbeit nutzen. "Kaizen" oder das Prinzip kontinuierlicher Verbesserung prägt bei Jimdo die ganze Unternehmenskultur – ich habe eine wunderbare Präsentation meiner Kollegin Nadja zum Thema Kaizen bei Jimdo gefunden, die dies treffend beschreibt – und eine der Techniken, die wir verwenden, heißt Retrospektive. Es ist ein regelmäßiges Meeting zur Reflexion in agilen Softwareentwicklungsteams. In einem Umfeld, das sich ständig wandelt, steht eigentlich alles zur Diskussion – bis auf die Retrospektive, denn mit ihrer Hilfe deckt man im Nachhinein Schwachstellen auf, besinnt sich noch einmal auf das gemeinsame Ziel oder macht sich bewusst, was gut funktioniert hat. Bei Jimdo findet dieses Meeting in den meisten Teams im 2wöchentlichen Rhythmus statt. Auf persönlicher Ebene, so interpretiere ich Matthias Büttners Methode, ist dieser Zeitraum zu lang: Wir müssen mehrmals täglich unser Verhalten überprüfen, nachjustieren und uns in Erinnerung rufen, was wir wirklich wollen.

Man kann das spielerisch betreiben. Ich stelle fest, dass ich dann weniger verkrampft bei der Sache bin. Beispielsweise habe ich einen Zettel, der besagt, dass ich ToDo-Listen für's Wochenende auf Türkisch in -yor-Präsens machen möchte (die einzige Zeitform, die ich kenne). Ich schlage so zwei Fliegen mit einer Klappe: Ich erinnere mich daran, dass ich Türkisch lernen möchte und gebe mir eine konkrete Aufgabe, es auch umzusetzen. Heute, am Samstag, schrieb ich einen Zettel, der besagt, dass ich zukünftig am Wochenende für die ersten drei Tage der Woche vorkochen möchte ("Hafta sonları Pazartesi, Salı ve Çarşamba için yemek pişirmek istiyorum."). Ich möchte vermeiden, dass ich mich zu Ausnahmen verleiten lasse, weil ich es zeitlich nicht geschafft habe, mir ein magenfreundliches Essen zu organisieren.

Beides – die sich immer wiederholende Reflexion und das Aufschreiben – scheinen wichtig zu sein. Inka erzählte, dass sie nach ihrer Transplantation regelmäßig Tagebuch schrieb und sich anhand der Einträge überprüfte, ob sich die eigene Wahrnehmung (von "Ich bin krank." zu "Ich bin gesund.") geändert hatte. Das Aufschreiben hilft einem objektiv(er) zu sein, gleichzeitig lagert man Informationen aus, und entlastet das Hirn (so meine Vorstellung). Daniel schenkte mir kürzlich beispielsweise ein Buch, in dem ich mein Essverhalten dokumentieren konnte. Zum jetzigen Zeitpunkt machte es mir erst einmal bewusst, dass ich mich derzeit noch weniger an meine Pläne halte, als ich dachte. Mein Essverhalten besteht scheinbar zu 80% aus Ausnahmen. 

Schreib's auf: Die wirkungsvollste Methode, um zu erkennen, wo man steht (und wo man hin möchte).

"Disziplin ist die Fähigkeit, sich zu merken was man will.", lautet der Titel, unter den ich diesen Artikel gestellt habe (der Verfasser ist übrigens unbekannt). Die bislang wirkungsvollste Methode für mich lautet: Aufschreiben und immer wieder ansehen. Erfüllender, als ein Streben nach Perfektionismus, ist es, dass Leben als Prozess zu begreifen, in dem man den eigenen Zielen jeden Tag einen Schritt näher kommt. Immer ein wenig besser eingestimmt auf die sich ändernde Umwelt, auf die sich ändernde Vorstellung davon, wie wir sein wollen. Das zeigt, dass Kaizen auf persönlicher Ebene ebenso wirkungsvoll ist, wie im Business-Kontext. Büttners Aufschreiben und 3x täglich ansehen entspricht einem sehr engen PDCA-Cycle. Ziel ist es, die Methode immer wieder anzupassen, so lange, bis das neue Verhalten etabliert und zur Routine geworden ist. 

Dann ist es leicht. Dann stellt sich nicht mehr täglich die Frage, ob man joggen gehen möchte, wie Inka, oder ob Schokolade essen möchte oder nicht, wie ich. Schokolade ist dann kein Thema mehr, und man läuft einfach. So wie ich jetzt – damit ich in meinem Büchlein einen Stern einkleben kann bei Sport/Aktivität. Und weil es hier mit der Selbstdisziplin am einfachsten ist: Es geht nicht um Verzicht, sondern darum, das Gesicht in die frische Luft und Sonne zu halten, die Stresshormone durchzuruckeln und den Körper ins Gleichgewicht zu bringen, und dann mit einem wohligen Gefühl unter die Dusche zu traben.