Reise: Rad-Tour ins Wendland

Das heißeste Wochenende des Jahres hieß es. Und wir begaben uns auf eine Rad-Tour ins Wendland. Als Hamburger hat man die Abwechslung direkt vor der Haustür: Kornfelder, Mohnblumen, Rehe, kaum Autoverkehr. Wie wohltuend für das unruhige Herz der Stadtmenschen. Könnte ich mir vorstellen, hier zu leben? Das dann doch nicht.

„Wo ist denn der nächste Supermarkt?“, fragten Daniel und ich – nach unserer gut 80km langen Radtour entlang der Elbe zum Ferienhof Meyer am Tag zuvor wollten wir uns am Samstag möglichst nicht bewegen. Uns taten die Hintern weh, und wir brauchten Zahncreme. „Also, entweder Dahlenburg oder Hitzacker. Wobei Hitzacker: Da haben Sie noch die Elbe. Ist beides ungefähr 15 km entfernt.“, sagte uns die Tochter des Hauses. Schon deshalb kann ich mir nicht vorstellen, hier zu leben: Ich bin zu vergesslich für ein Leben auf dem Land.

Wir sattelten die Fahrräder, verstauten mehrere Flaschen Wasser und begaben uns auf den Weg nach Hitzacker. Wenn schon, dann mit Elbe. Die Rad-Strecke streift die Göhrde, das größte zusammenhängende Mischwald-Gebiet Norddeutschlands. Wir fuhren also durch schattiges Gelände, und das ist an einem sonnigen Tag mit ca. 35°C Gold wert. Die Wege sind Schotterwege und hügelig. Wieder einmal wünschte ich mir, ich hätte die Tour mit einem ordentlichen Trekking-Rad angetreten statt mit einer alten Gazelle. Dass auch Norddeutschland hügelig sein kann, hatte ich mir bis zu dieser Tour nicht so recht vorstellen können. 

Bislang enthielt jede Rad-Tour (Wander-Tour), auf die ich mich begab, Momente, in denen ich bemerkte, was ich beim nächsten Mal besser machen könnte. Schon meine erste Wander-Tour auf Korsika, mit Chucks und einem leichten Baumwoll-Schlafsack, lehrte mich etwas: Nächstes Mal, sagte ich mir, nur mit ordentlich Schuhen und einem richtigen Schlafsack. Bei einer Rad-Tour nach Texel, als ca. 15jährige, lernten ich und meine Freundin Tini, dass das Übernachten in Bushaltestellen einen gewissen Reiz des Abenteuers bietet, aber ungemütlich ist. Auf Daniels und meiner Tour entlang der Havel im letzten Sommer, beschloss ich, nicht mehr mit einem Holland-Rad zu fahren, und immer Flickzeug dabei zu haben. Ich brach das eine Vorhaben, kaufte aber immerhin bei Kaufland noch schnell Flickzeug, bevor wir zu unserer Wochenend-Tour ins Wendland aufbrachen.

Es lohnte sich, denn bereits in Geesthacht hatte Daniel einen Platten. Uns fehlte jedoch die passende Luftpumpe. Ich mag sowas ja: Man kommt ein wenig mit den Leuten in Kontakt. Eine Anwohnerin mit Pudel und ihr kerniger Partner liehen uns bereitwillig eine Pumpe. Ich fragte mich, wie so ein Leben ist, in Geesthacht. Einfach sieht es aus. „Stellt sie dann einfach dort hin,“, sagte der nette Mann und zog von dannen. Wir reparierten den Platten und ich schwor mir: Nächstes Mal fahren wir mit einer Pumpe, die für unterschiedliche Ventile ausgelegt ist.

Es folgte der anstrengendste und schönste Teil der Strecke. Zwischen Geesthacht und Lauenburg führt der Elberadweg durch den Wald. Man fährt geschützt und hoch durch Nadel-Wälder, an den Füßen der Hügel liegt entfernt die Elbe.

Noch im Wald erkannten wir, dass wir ein Zeit-Problem hatten und entschieden uns, in Lauenburg zu Abend zu essen und dann noch einmal ordentlich in die Pedalen zu treten. Verschwitzt nahmen wir im Restaurant Le Rufer an der Promenade Platz und ich gönnte mir Schmorgurken mit Reis - ein Abend im Sinne von Ayurveda, wer hätte das gedacht?

Lauenburg ist ein malerisches Städtchen mit einem alten Stadtkern. Hübsch und beschaulich. Dank lauer Abendluft und einem ordentlichen Ritt auf dem Fahrrad durch Wald und Sonne genoss ich das kurze Urlaubsgefühl, das sich einstellt, wenn man sich einen Schritt abseits des Alltags begibt. Gerade wenn die Zeiten stressig sind, habe ich gelernt, sollte die Entspannung optimal sein. Optimal: Das heißt bei mir Bewegung und Sonne. Kurz alles vergessen und den Kopf mit etwas anderem beschäftigen. Ich erinnere mich an Zeiten unter Anspannung, in denen ich selbst Spaziergänge anstrengend fand: Der Kopf stand einfach nicht still. Nicht so Beim Joggen, Schwimmen oder Rad fahren.

Soweit die Theorie. Da wir uns jedoch in der Strecke verschätzt hatten, endete die Tour nicht bei einem Glas Wein in lauer Abendsonne in Lauenburg, sondern um 23 Uhr neben verdutzten und schläfrigen Kühen beim Ferienhof in Nieperfitz - wo wir völlig ermattet und übermüdet aufs Bett fielen.

Ich erwachte am nächsten Morgen früh, da die Sonne direkt in unser Zimmer fiel. Ich griff die Kamera und ging nach draußen:

Morgens um halb 7 im Wendland: Die Temperatur ist angenehm, das Licht wunderschön.
Das Korn schimmert bläulich in der Morgensonne.

Kornfelder, Mohnblumen, wildromantisch. Wären da nicht die Insekten. Wer im Morgengrauen durch die Kornfelder streift sammelt auf dem Rocksaum einiges an Viechzeug ein. Im Wald keimte meine Angst vor Zecken wieder auf (Ich hatte noch nie eine, habe aber bereits hunderte Zecken aus irgendwelchen Hunden gepult) – beim leisesten Geräusch aus dem Gebüsch zuckte ich zusammen oder schrie leise auf – ein Hirsch? Ein Wildschein? … ah, nein, doch nur ein Vogel. Ein Leben auf dem Land? Stress pur dachte ich, als ich mit Daniel am Frühstückstisch Platz nahm.

Der Ferienhof Meyer ist ein Familienbetrieb, die Atmosphäre ist heimelig, das Essen lecker und bodenständig. Das Frühstücksbuffet ist abwechslungsreich, wir waren positiv überrascht. Wir waren durch einen Groupon-Gutschein aufmerksam geworden, eine gewisse Skepsis bringt das mit sich, wie so oft bei unschlagbar günstigen Angeboten. Nach unserem Ausflug nach Hitzacker, wo wir der Hitze trotzten, Zahnpasta kauften, Antipasti speisten und einen Rock kauften, zogen wir uns in den kühlen Aufenthaltsraum des Ferienhofs zurück und lasen in unseren Büchern.

Am Sonntag Morgen traten wir die Rückfahrt in den Alltag an. Statt wie geplant den gesamten Weg nach Hamburg zurück zu radeln, peilten wir das 14km entfernte Dahlenburg an. Bereits um 9:30 Uhr war es ordentlich warm. Wir passierten das Dahlenburger Freibad, das gerade geöffnet hatte, und nutzten die Gelegenheit. Ich hasse Freibäder - eigentlich. Immer zu voll, immer laut. Nicht so in Dahlenburg morgens um 10 Uhr. Wir schwammen ein paar Bahnen, ich übte Kraulen, wir lasen ein wenig und herrlich erfrischt begaben wir uns 2 Stunden später zum Bahnhof in Dahlenburg. Was für ein herrlicher Ausklang für ein ungewohnt heißes Wochenende in Norddeutschland. Kurze Zeit drauf erreichten wir unsere Schatzstadt Hamburg – Zuhause ist ist es doch am schönsten: ja, denke ich, aber nur, wenn man diesem Ort gelegentlich den Rücken zuwendet.