Hamburg Kinners: Planten un Blomen

Was für ein beseelter Sonntag! Das Wetter ist bestens, alle Hamburger sind draußen – so auch ich. Mir steht der Sinn nach Ruhe, und so schwinge ich mich auf's Rad und radele zu Planten & Blomen, Hamburgers kleiner Chill-Oase für Pflanzen-Freunde. Im Holzstuhl aufs glatte Wasser blicken, einen Kaffee in der Hand, einen Roman auf dem Schoß und das Gesicht in der Sonne. Einfach toll!

Mit einem Kaffee von Less Political bei Planten un Blomen

Planten un Blomen habe ich 2002 schätzen gelernt: Ich wohnte damals in der Rentzelstraße und der gepflegte Park im Zentrum Hamburgs war mein Garten. Oft klemmte ich mir am Abend die Salatschüssel unter den Arm, lief die paar Schritte bis zur asiatisch angehauchten Gartenlandschaft mit plätscherndem Wasser und weitem Blick. Ich sah mir die Wasserlichtkonzerte an, und klemmte mit die mp3-Kopfhörer – oder waren es noch Mini-Disc? – ins Ohr, da der Sound der klassischen Konzerte wirklich scheußlich blechern war. Nach dem Tod meiner Mutter im April 2002 zog ich mich hierhin zurück, hörte Musik, wahrscheinlich Emma Shapplin oder María de Lourdes, die meine Mutter beide sehr gemocht hatte, schwelgte in Erinnerungen, vergoss Tränen und rappelte mich wieder auf. 

Erstaunlicherweise empfand ich rückblickend diese Zeit als meine schönste Zeit in Hamburg bisher. Damals hatte ich eine 30h-Woche bei der Deutschen Bank: Ich überbrückte damit ein Jahr die Zeit zwischen meinem ersten Job und meinem Studium, für das ich erst ein Semester später als erwartet einen Platz bekommen hatte. Auf einmal musste ich nicht mehr nach der Arbeit, kurz vor Geschäftsschluss, in irgendeinen Supermarkt hetzen, sondern kaufte am Nachmittag entspannt beim immer gleichen Gemüsehändler ein, holte regelmäßig einen Kaffee beim Portugiesen um die Ecke, der mich wieder erkannte, und fühlte mich viel stärker mit meinem Stadtteil verwurzelt, als ich es zuvor getan hatte. Hinzu kam: Da mein Herz schwer war, tat ich jeden Tag nach 14 Uhr ausschließlich Dinge, die mir Freude bereiteten: Ich radelte an die Elbe, auf den Markt, in den Stadtpark, ging auf Ausstellungen, ins Kino, auf Konzerte, trank Kaffee in der Sonne und trug Salatschüsseln zum Wasser bei Planten un Blomen.

Mittlerweile wohne ich wieder in Hamburg, in Bahrenfeld, und Planten un Blomen ist, zugegebenermaßen, von meinem Radar verschwunden. Nicht so heute: Ich sehnte mich nach Ruhe, danach in einem Roman zu versinken und auf ruhiges Wasser zu blicken – nicht auf die unruhige Elbe mit ihren vorbeiziehenden Container-Schiffen. Ich radelte durch die Sonne in Richtung Sternschanze, holte mir bei Less Political einen Milchkaffee, und radelte mit dem Kaffee im Gepäck zu Planten un Blomen. Ich trinke derzeit selten Kaffee. Damit einher geht, dass ich bei den seltenen Gelegenheiten nicht mehr bereit bin, schlechten Kaffee zu trinken. In Groningen hatte mir ein netter Mann die App Cuppings empfohlen, die lokale Kaffee-Freaks auszeichnet. Mir ist der Hype um Brühverfahren und Bohnen schnell zu viel, ich weiß jedoch: Diejenigen, die sich mit Aeropress und Chemex auskennen, machen in der Regel auch einen guten Caffè Latte. 

Less Political liegt in einem alten Gewerbehaus in der Sternstraße – ein wenig abseits des Trubels von Sternschanze und Karoviertel, was das Café umso attraktiver macht für diejenigen, die Ruhe und einen guten Kaffee suchen. Der Stil des Cafés ist der derzeit übliche Mix aus DIY und Industrie-Chic, mit viel Liebe für Details: Man merkt, dass hier Künstler am Werk sind.  

Man sollte sich keine Illusionen machen: Scheint in Hamburg die Sonne, ist es voll. Ob Planten un Blomen oder die Elbe: Man ist nicht allein. Ich fand einen freien Stuhl am Wasser, neben mir ein schlecht riechender alter Mann, der seinen Stuhl zu meinem Glück von allein etwas abrückte, und eine Familie mit gelangweilten Kindern, die in schiefen Tönen Lieder sangen. Ich hängte mir die Kopfhörer ins Ohr, blendete das Drumherum mit entspannter Musik aus und versank in meinem Roman:

„Einmal, in Warschau, sagte J. L. Perez, der Sozialist, zu Onkel Joseph, der dem Sozialismus sehr fernstand: „Meinen Sie denn, ich sei so naiv zu glauben, daß der Sozialismus alle Probleme auf der Welt lösen wird? Es gibt doch zum Beispiel das Problem der alten Jungfern. Manche Sozialisten meinen, das sei nichts als eine wirtschaftliche Frage: Wenn es Brot für alle gäbe, würde sich auch für jede alte Jungfer ein Bräutigam finden. Sie sehen nicht ein, daß hier ein Problem existiert, das der Sozialismus nicht aus der Welt schaffen kann.““
(Amos Oz: Eine Geschichte von Liebe und Finsternis)

Planten un Blomen: Ruhiges Wasser und viel Grün

Planten un Blomen erstreckt sich vom Millerntor bis Dammtor. Im gesamten Bereich gibt es immer wieder kleine Nischen und Ecken, in denen man etwas Ruhe abseits der großen Menschenströme findet. Touristen finden Spaßprogramm (Teezeremonien, Konzerte), Kinder ebenso (Minigolf). Auch die Parklandschaft bietet unterschiedliche Reize: Japanische Gärten und Mittelmeer-Gewächse finden sich hier neben norddeutschen Sommerwiesen. Ich erinnere einen Sommer, den ich am liebsten am Rande einer kleinen Sommerwiese mit blauen Kornblumen und rotem Klatschmohn verbrachte – ein wenig Ammerland im Zentrum Hamburgs.

„Seit dem Tag seines schmählichen Fehltritts, als er sich an Bord des Schiffes nach New York in eine andere verliebt hatte und Großmutter genötigt gewesen war, ihn mit Gewalt unter den Hochzeitsbaldachin zu zerren, dachte er nicht mehr an Aufbegehren: Er stand vor seiner Frau wie ein Vasall vor der Herrin, diente ihr in Demut, Verehrung, Ehrfurcht, mit unendlicher Hingabe und Geduld.
Sie wiederum nannte ihn Sissja, und in seltenen Momenten tiefer Zärtlichkeit, Barmherzigkeit und Gnade nannte sie ihn Sissel. Dann leuchtete sein Gesicht urplötzlich, als hätten sich ihm die Tore aller sieben Himmel aufgetan.“
(Amos Oz: Eine Geschichte von Liebe und Finsternis)

… Ende des 17. Kapitels. Neben meinem Roman hatte ich auch die Kamera dabei. Ich habe einen VHS-Kurs für Kamera-Technik belegt („Mal schauen, was es außerhalb des Automatik-Modus so zu entdecken gibt!“), und hatte eine Hausaufgabe bekommen: Nicht den Automatik-Modus benutzen (nur die Teil-Automatik). Nach einiger Zeit im Universum von Liebe und Finsternis machte ich mich also auf und experimentierte mit Blendeneinstellungen und Verschlusszeiten:

Da am Sonntag auch der Liebste aus Zürich zurück kehrte, stieg ich am Nachmittag beseelt von dieser kurzen Auszeit auf's Rad und radelte zurück nach Bahrenfeld, um ihn zu empfangen. Planten un Blomen: Kann man mal wieder machen, dachte ich sehr zufrieden, eigentlich ist es wirklich direkt um die Ecke.