Lekker Tijd in Groningen

Ich kenne Groningen seit meiner Kindheit. Groningen ist die Partner-Stadt meiner Heimat-Stadt Oldenburg (und Oldenburgs heimliches Shopping-Paradies). Könnte ich in Groningen Leben? Ja! Ich würde es jedoch nur wollen, wenn ich niederländisch sprechen könnte.

Groningen: Vismarkt (ohne Fisch)

Tatsächlich wollte ich als Teenager gerne in Groningen leben. Groningen erschien bunter, aufregender als Oldenburg. Mangels Sprachkenntnisse habe ich diese Idee irgendwann verworfen. Das bedeutet mit anderen Worten: Groningen war mir nicht wichtig genug, als dass ich dafür niederländisch lernen wollte (Mijn excuses!). Vermutlich eine kluge Wahl unter dieser Voraussetzung, denn das Verhältnis Groningens zu Deutsch und den Deutschen scheint gespalten. Neben den Tagesgästen gibt es gibt viele deutsche StudentInnen in Groningen. Irene, meine 19jährige Gastgeberin, sagt, ihr gefalle nicht immer, dass beim vermeintlich internationalen Studiengang so viel deutsch gesprochen werde, allein weil die vielen deutschen Kommilitonen untereinander deutsch sprechen. Dabei hat Irene grundsätzlich nichts gegen Deutsche, schließlich ist sie mit einem jungen Mann aus Hamburg-Finkenwerder liiert. Irene ist Weltreisende und offen für andere Kulturen. Nicht alle Niederländer, sagt sie, teilen diese Offenheit. 

Insgesamt wirkt Groningen aufgeräumter, als ich es in Erinnerung habe. Viele der kleinen Deko-Läden haben sich verändert oder sind verschwunden. In der quirligen Folkingstraat erinnern mich noch ein Antiquariat und der nordafrikanische Mini-Markt Le Souk an Zeiten, die mein Bild Groningens prägten: Mit einfachen Mitteln gelang es den Läden in Groningen, eine individuelle und überaus stilvolle Atmosphäre zu zaubern, die anders war, als das, was ich aus Deutschland kannte. Mit ein paar Teelichtern und Gewürzen ließ sich in wenigen Handgriffen eine wohlige Atmosphäre schaffen - auch meine Mutter konnte das. Schaut man sich heute die Läden längs des Vismarkt und Grote Markt an, so findet sich dieser Stil ebenso in vielen anderen Teilen der Welt. Nett, aber austauschbar. Ist das die Globalisierung?

Was gibt es also in Groningen zu sehen? Auch Irene und ihr Freund sind unsicher. Ist das Wetter schön, schnappt man sich das Rad und erkundet die kleine grüne Stadt auf diese Weise. Groningen bietet eine ganze Reihe alter Gebäude, die es sich zu besichtigen lohnt. Und schöne Gärten! - wie den Garten des Prinsenhof am Rande der Innenstadt. Abgesehen davon, sagt Irene, hat Zeitvertreib in Groningen häufig etwas mit Essen zu tun. Eine Vielzahl kleiner Cafés und Restaurants lädt zum Kaffee und Toast oder Sandwich ein. Das ist auch der Grund, weshalb ich zwei Tage in Groningen verbringen wollte: Ich suchte schnelle Entspannung in vertrautem Ambiente, mit gutem Kaffee. Der heißt in Groningen auch nicht mehr Koffie verkeerd, sondern Caffe Latte, wie überall.

Koffie Tijd im Black & Bloom

Morgens stand ich mit Irene und ihrem Freund um 7 Uhr auf. Bachelor-Studenten müssen früh in der Uni sein. So wurde das Black & Bloom in der Oude Kijk in ‘t Jatstraat 32 mein Café der Wahl für diesen Trip: Es scheint eines der wenigen Cafés, das vor 10 geöffnet ist. Groningen ist offenbar keine Stadt für Frühaufsteher, die in Cafés herumlungern. Der Betreiber, Gerben Engelkes, meint es ernst: „This is not a study café“, sagte er, als ich am zweiten Tag meinen Laptop aufklappte, „…there's the library and plenty of other places. I really want people to enjoy a good cup of coffee here.“ Ich fühlte mich geschmeichelt, dass er mich für eine Studentin hielt. Und ungerecht behandelt. Dennoch packte ich meinen Laptop brav zurück in die Tasche, denn ich musste ihm recht geben: Ich hatte mich am Tag zuvor, mit meinem Roman auf dem Schoß, hier ausgesprochen wohl gefühlt. „You're welcome anytime.“, hatte Gerben Engelkes gesagt, als ich tags zuvor das Café verlies, und ich fand dies so herrlich unaufdringlich und nett, dass ich beschloss, ihn beim Wort zu nehmen.

Der Kaffee im Black & Bloom erinnert an den Kaffee, den ich in San Francisco getrunken habe. Auch San Francisco steckt voller Kaffee Nerds, und selbstverständlich kennt Engelkes das beste Café vor Ort. Philz Coffee ist es übrigens nicht. Er empfahl mir die App Cuppings und gab mir Tipps zur richtigen Wasser-Temperatur und zum Brühverfahren. Dass ich Espresso bevorzuge, und Filterkaffee mit Milch trinke (weil dies magenfreundlicher ist), konnte er gar nicht glauben.

Das Grafische Museum

Ich liebe Infografiken. Dieses Werk zählt zu einem meiner liebsten, auch wenn ich nicht häufig darin blättere. Die Ausstellung zum Thema im Grafischen Museum konnte ich mir also keinesfalls entgehen lassen. Das kleine Museum liegt hinterm Bahnhof und wird von ehrenamtlichen Mitarbeitern mit Liebe geführt. Mir wurde eine persönliche Führung auf Englisch angeboten, die ich dankend ablehnte. Ich wollte mich lieber mit der Kamera durch die Säle treiben lassen und schauen, ob die Infografiken sich selbst erklärten. Nicht alle taten das, eindrucksvoll war das Museum dennoch. 

Neben den Infografiken beeindruckte mich besonders die Auslage eines Buches von Moon Brouwer. Die filigrane Arbeit führt durch die verschiedenen Areale des menschlichen Gehirns. Am eindrucksvollsten stellt sich dies dar, wenn man durch das Buch blättert, so wie im folgenden Clip:

Groningen also: Eine kleine feine Stadt in den Niederlanden - die im übrigen auch recht jung ist. Obwohl ein recht unwirscher Frühjahrs-Wind blies, obwohl sich die Stadt verändert hat seit meiner Kindheit, und obwohl die Küche und Dusche in der Studenten-WG recht spartanisch waren, habe ich meinen Aufenthalt sehr genossen. Groningen bleibt eine freundliche, lebendige Stadt mit gut gelaunten und gut aussehenden Menschen, hübschen Cafés mit Lesetischen, an denen man entspannt verweilen kann, und einem hübschen Stadtbild. „Slaap lekker!“, hieß es am Ende des Tages für mich, wo ich mit Irene und ihrem Freund im kleinen Zimmer neben dem Krankenhaus einen Tee mit Lavendel trank und über niederländische Redewendungen und Reisen in ferne Länder sprach. Deshalb mag ich Couchsurfing, und Groningen.