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Ein kulinarischer Samstag in San Francisco

Mein erster Eindruck von San Francisco: Schau an, wie Lisboa! Natürlich nicht, doch San Francisco ist ebenso attraktiv und entspannt wie die portugiesische Metropole. Könnte ich hier leben? - Jederzeit!

Es gibt sogar Radwege! Also schnappte ich mir am Samstag-Morgen das Jimdo-Fahrrad. Dank des amerikanischen Straßen-Systems findet man sich leicht zurecht. Die Verkehrsregeln haben mir die Kollegen zuvor erklärt: First comes, first-served. Meine erste Station ist der Ferry Plaza Farmer's Market im Zentrum. 

Ferry Plaza Farmer's Market

Ferry Plaza Farmer's Market

Keine Reise ohne Markt: Als jemand, der leidenschaftlich gerne kocht, lande ich fast immer auf irgendeinem Markt. Mein Reiseführer beschreibt den Ferry Plaza Farmer's Market als „Wochenmarkt der Extraklasse“. Das Center for Urban Education about Sustainable Agriculture (CUESA) organisiert den Markt, das Angebot ist entsprechend regional und saisonal. Der Markt liegt direkt am Wasser, schön! Im Inneren der Markthalle betreiben etablierte Händler kleine Geschäfte, der eigentliche Markt findet draußen statt. Hier reihen sich Gemüsehändler an Produzenten von Pasta, Käse, Fleisch, Marmelade und Brot. San Francisco liebt offenbar Rosenkohl, ich vermute, weil er voller guter Sachen steckt. Nach einem Orientierungsgang über den Markt gönnte ich mir drei Macarons und einen Caffe Latte von Blue Bottle Coffee: Wer einkaufen möchte, sollte satt sein. In der Kaffeeschlange reihte ich mich ein zwischen euphorischen Teenage-Girls und alten Business-Hasen, die in San Francisco sind „since the first dot.com bubble“, wie einer der beiden sagte. Der Markt bietet Raum für alle: Slow-Food trifft auf Tech Bubble trifft auf Tourist Crowd. Es herrschte entsprechend viel Betrieb. Ich wendete mich dem Gemüse zu. Wurzeln, Kohl, Pasta und Aufstrich wanderten in meinen Rucksack, ebenso wie ein köstlicher Mohn-Bagel und ein Wallnuss-Brot der Marla Bakery. Und dazu eine frische Brise und Sonnenschein: San Francisco gefällt mir!

Die nächste Station auf meiner kleinen Rad-Tour durch die Stadt führt mich zu Omnivore, einem Buchladen für Kochbücher. Nach langer Recherche ließ ich zwei Werke in meinen Besitz übergehen: Franny's Simple Seasonal Italian (Wait for it, Daniel!) und Alice Water's The Art of Simple Food II. Alice Waters ist Inhaberin des 'Chez Panisse' Restaurants, das mir ebenfalls empfohlen wurde. Franny's ist das Kochbuch zum Restaurant 'Franny's' in Brooklyn. Alice Waters sagt dazu:

„Francine and Andrew's famous clam pizza was the first dish to woo me - to my knowledge there is no other clam pizza like it. It is nearly naked, spread with a clam broth-and-cream reduction and sprinkled with shelled clams, chili pepper and fresh parsley leaves. Every element of the pizza is deftly calibrated so that the clams' real taste - their essential clamness - comes through.“

Ein Kochbuch mit weißen Pizzen. Unmöglich daran vorbei zu gehen. Ich freue mich bereits auf die Rückkehr in meine eigene Küche, um all diese Dinge ausprobieren zu können.

China Town und North Beach mit Zoten-Klopfer Tom

Jesse, der Mann meiner Kollegin Maggie, empfahl mir AnyRoad.com, eine Plattform für Sightseeing-Touren. Ich buchte eine Tour mit Tom, der sich als eigenartiger Kerl mit plattem Humor entpuppte, aber er wusste, wo es gutes Essen gibt. In einem Grüppchen aus drei Valentine-Dates mit asiatischen Wurzeln, zwei Freundinnen ohne Mann und mir begaben wir uns in Toms Hände. Tom wuchs in China Town auf. Seine ganze Familie sei in der Mathematik zu Hause, erzählte er - Toms Welt ist das nicht, wie er mehrfach wiederholte, man merkte es aber auch so.

Tom führte uns in die erstbeste Tee-Stube (so wirkte es), und dann kam der Tee. Das Aroma zu beschreiben fällt mir schwer. Wie beseelt saß ich an der Theke. Das Ambiente war schmucklos, die Atmosphäre steif - der Bursche hinter der Theke hatte seine Schwierigkeiten mit uns. Doch mein Gaumen befand sich im Glück. So hatte ich Tee noch nicht getrunken: Feine Aromen, die sich erst später voll entfalten und lange nachwirkten. Warum hielt sich so hartnäckig das Gefühl, Tee könne in Punkto Aroma Kaffee nicht das Wasser reichen? Ich habe mich getäuscht, dachte ich, und orderte eine Packung Iron Goddess King Tee, eine Oolong-Mischung, unvergleichlich.

Wir zogen weiter durch die Straßen, vorbei an tanzenden Chinesinnen und Buden des chinesischen Neujahrsfestes, die gerade abgebaut wurden. San Franciscos Chinatown ist die größte chinesische Community außerhalb Asiens und als solche eine der ältesten innerhalb der USA. Die Straßenbeschilderung ist chinesisch-amerikanisch. An Chinatown schließt North Beach an, das Viertel der Italiener. Wir stolperten über Pflastersteine, in die Zitate von Jack Kerouac eingraviert waren, und blickten auf das Café Trieste, wo Francis Ford Coppola einen Großteil der Drehbücher zu 'Der Pate' schrieb. „Werft ruhig einen Blick hinein.“, sagte Tom, der selbst lieber draußen blieb. 

„Wer San Francisco sagt, muss Cannoli sagen!“, kündigte Tom an und führte uns zu Stella Pastry & Café. Cannoli sind kleine Teigröllchen mit gesüßtem Ricotta gefühlt - wahrlich ein Gedicht! Es folgten Pizza und Wein, doch diese waren zu viel des Guten. Mein Magen erinnerte mich unsanft an die Regeln (maßvoll essen). Eine Vielzahl der Amerikaner leidet wie ich an der Refluxkrankheit. Zum Glück!, möchte ich sagen, denn die Drugstores haben eine Vielzahl an Antazida um die Magensäure im Zaum zu halten. So fand ich gegen 23 Uhr noch einen Store, irgendwo zwischen North Beach und Mission, der mir Antazida-Lutsch-Tabletten mit Kirschgeschmack verkaufte: Sie brachten Linderung.

Nach vier Stunden Stadtrundgang war ich ermattet und übermüdet. Ich bestieg ein Muni Richtung Mission District und verzweifelte, da alle drei Clipper-Cards alle waren. Der Fahrer lachte freundlich und bedeutete mir, mich hinzusetzen: „Don't worry about the fare, sit down.“, sagte er.

Die Amerikaner: Irgendetwas zwischen oberflächlich nett und aufrichtig freundlich. Nicht immer fällt es mir einfach, zu erkennen, was von beidem ich gerade vor mir habe - wo Small-Talk aufhört und wahre Sympathie beginnt. Und wie Small Talk überhaupt geht. Kulinarisch kann ich nach diesem Tag sagen, erfüllt sich das Klischee nicht: Von McDonalds und Taco Bell habe ich weit und breit nichts gesehen. Stattdessen feine Aromen und bezaubernde Gerüche, die Gaumen und Nase im Glück versinken lassen.

Bei Kazan aß ich Sushi, wie ich es noch nicht zuvor gegessen hatte - unglaublich lecker, und weit weg von den California Rolls, die es in Hamburg unter dem Namen Sushi gibt. 

Bei Succulence lernte ich in zwei Stunden, wie ich einen kleinen vertikalen Garten mit Sukkulenten mache. Bei der Galeria de la Raza ums Eck kaufte ich einen Holzdruck aus Mexiko. Könnte ich in San Francisco leben? - Jederzeit!