Silvester auf einem Dach in Hamburg: Ein Jahres-Rückblick

Letztes Jahr stellte ich fest, dass ich alt werde. Dieses Jahr habe ich bemerkt, dass mein Vater alt wird. Auch bemerke ich immer wieder voller Verwunderung: Es ist viel los. Langeweile will sich einfach nicht einstellen. Auch für 2015 habe ich bereits ein paar schöne Pläne. 

Silvester 2015 von einem Hamburger Dach

Beispielsweise reise ich im Februar in die USA. Mein erstes Mal. Ich werde eine Woche im San Francisco Office von Jimdo arbeiten, und eine Woche meine Freundin Inka und ihre Familie in Dallas besuchen. Ich kenne Inka seit meiner Kindheit. Es ist eine dieser langen Freundschaften, die einige intensive Momente überdauert hat, und die fortbesteht, auch wenn wir uns selten sehen. Wir sprechen 2-3 Mal im Jahr, dank Skype, und schreiben uns gelegentlich ein paar Nachrichten. Davon ab leben wir im wesentlichen unser Leben. Dies mag ein unscheinbarer Satz sein, ist es aber nicht für zwei Menschen, die bereits einige Erfahrung mit dem Leben, Tod, Verlust und Krankheit gemacht haben. Ich freue mich sehr auf diese zwei Wochen. Auch darauf, in San Francisco ein wenig Alltag abseits von Hamburg zu leben. So, wie ich das bereits einmal in Lissabon gemacht habe, als ich eine Woche aus einem Co-Working Space in Alcântara arbeitete. Natürlich bin ich auch neugierig, die USA kennenzulernen: Die Heimat so vieler Filme, Serien und Romane, die mich geprägt haben.

Eine weitere große Reise plane ich mit Daniel Ende 2015. Wir wollen Daniels Geburtsland Chile besuchen. Mein erstes Mal. Chile, aber auch mein erstes Mal Lateinamerika. Obwohl ich viel lateinamerikanische Kultur und Literatur studiert habe in Leipzig. Damals fehlte mir das Geld zum Reisen.

Auch 2014 begann mit einer Reise: Ich flog mit meiner Tante nach Kapstadt, wo sie und ihre Freundin ein Haus besitzen. Auch das ein erstes Mal. Ich hatte meine Tante, die als Entwicklungshelferin viel rum kommt, immer besuchen wollen. Ich hatte es jedoch nie geschafft, das Vorhaben auch umzusetzen. 

Auch mit Daniel erkundete ich Orte, die wir noch nicht kannten (St.-Peter-Ording, eine Radtour entlang der Havel) und wir besuchten gemeinsam Orte, mit denen jeweils einer von uns vertraute Erinnerungen verband (Venezia, Portugal).

Ich habe Neues gelernt (Türkisch), wenn auch nicht alles das, was ich mir vorgenommen hatte. Eben fand ich einen Zettel, der mir verriet: Ich hatte ein Instrument lernen wollen (schon 2013 übrigens), und ich hatte mehr Zeit mit dem Malen verbringen wollen. Auch eine Woche surfen stand auf dem Zettel, was ich mit drei Tagen surfen in Arrifana zum Teil berücksichtigt habe.

Den Zettel schrieb ich im Januar 2014. Das mit den Vorsätzen ist so eine Sache, mit ToDo-Listen generell: Sie sollen eine Richtung geben, motivieren am Ball zu bleiben. Doch die meisten der Vorsätze verlaufen im Sande, und einen Kalender hatte ich jahrelang nicht, da ich die Erkenntnis, dass nie alles zu schaffen ist, und ich viele der Punkte von einem Tag auf den nächsten übertrug, frustrierend fand. Natürlich weiß ich, dass dies auch eine Frage realistischer Zielsetzung ist.

„Diese guten Vorsätze“, las ich unlängst im Kulturspiegel (01/2015), „sind mehr als nur ein Ritual zum Jahreswechsel. Sie zeigen auch die Sehnsucht, sein Leben zu ordnen.“ Auf mich trifft das sicherlich zu, denn ich schrieb die Liste aus dem Gefühl, 2014 würde ein volles Jahr, mit vielem, was es zu bedenken galt. Ich wollte einen Überblick haben. Was die Familie betrifft, war dies ein Jahr der emotionalen Höhen und Tiefen. Formal war es der Verkauf einer Wohnung, emotional die Auflösung der letzten Illusionen meiner Kindheit. Gleichermaßen zeigte mir alles dies noch einmal stärker, wie ich und wie wir als Familie zusammen agieren und reagieren. 

Für meinen Vater, für den der Verkauf der Wohnung nicht ganz freiwillig war, ist es eine Zeit des Umbruchs. Das ist eine Herausforderung in dem Alter, denke ich mir, und ich bin stolz auf ihn. Mein Vater ist 70. Er wirkt jünger, doch dieses Jahr habe ich zum ersten Mal bemerkt, dass er alt wird. Er ist vergesslicher, fahriger als früher. Er beginnt, viel aus der Vergangenheit zu erzählen. Er braucht weniger Schlaf und mehr Struktur. Was früher normal war (nicht genau zu sagen, wann man ankommt), führt heute zu Unsicherheit („Sag mal, weißt du, wo dein Bruder steckt? (…) Er wollte doch heute ankommen …“) und zeigt mir, dass mein Bruder und ich uns zukünftig anders verhalten müssen.

War 2014 nun also ein gutes Jahr? Vermutlich, auch wenn es sich für mich nicht so anfühlt. Es war anstrengend. Es hat mir, im wahrsten Sinne des Wortes, häufig auf den Magen geschlagen. Eine Freundin von mir sagte:

"2014, a year of misery. At least Malala won the nobel prize, US made peace with Cuba, Germany

won the world cup, and.. that's about it. oh yeah. It's almost over! Ciao 2014. You won't be missed."

Politisch und gesellschaftlich sicherlich. Beispielsweise die Pegida-Debatte, die mich sprachlos gemacht hat: Angesichts der Demonstranten in Dresden und des ewigen „Ich habe ja nichts gegen (…), aber (…)", und ebenso angesichts der vielfachen Meinung, das seien alles Nazis, oder es handele sich um rein sächsisches Phänomen. Betroffen sind zum Glück ja immer die anderen. Hier wird erschreckend deutlich, dass unsere Gesellschaft, in der Migration eine wichtige Rolle spielt, auf viele beängstigend wirkt

Was tun also? Ich bemühe mich, die Welt im Kleinen zu einem besseren Ort zu machen. Ich versuche nachhaltig zu leben und zu reisen. Ich engagiere mich ein wenig für das Projekt Yoldaş. Ich bemühe mich, meine Arbeit gut zu machen und meine Freundschaften zu pflegen. Ich mache regelmäßig Yoga und bewege mich ausgesprochen gerne. Mehr Kunst, ja, und ein Instrument spielen lernen, kraulen statt Brust schwimmen und eine Woche surfen, das sind meine ganz pragmatischen Wünsche für 2015. Und ich werde mich freuen, wenn ich am 31.12.2015 in Chile am Strand sitze und feststelle, dass ich einige davon realisiert habe.

Der Magen wird für mich weiter ein Thema bleiben. Angeblich dauert es 3 Jahre, bis sich neue Essgewohnheiten stabil durchgesetzt haben. Im letzten Jahr verzichtete ich immer mal wieder auf irgendwas, mit unterschiedlichem Erfolg. In ein paar Tagen, am Montag, starte ich erneut, mit dieser Technik. 30 Tage lang möchte ich auf Kaffee verzichten. Der maßvolle Genuss von Kaffee ist zwar für den Magen okay, doch ich habe festgestellt, dass mir Kaffee nur mit Milch schmeckt. Möchte ich Kaffee trinken, muss ich also erstmal wieder mit Laktose klar kommen. 

2014 war auch das Jahr von Aphten und Herpes. „Das sind die Schlechtigkeiten, die raus müssen.“, pflegte meine Mutter zu sagen. Ins Neue Jahr rutschte ich gestern mit 6 Compeed-Herpes-Pflastern im Gesicht. Es scheint, als wolle mein Körper noch möglichst viel loswerden, bevor es ins neue Jahr geht. 

Vielleicht ist es gar nicht so abwegig. Es mag einige Leute verwundern, wirke ich doch meist eher ausgeglichen, doch eine Emotion, die mich seit Kindheitstagen begleitet, ist Wut. Früher waren es Kleinigkeiten, über die ich in Rage geraten konnte. Alltägliche Dinge, die einfach nicht so liefen, wie es mir vorgestellt hatte. Später war es die Wut auf das Schicksal, darauf, dass mein Leben anders verlief, als ich es mir wünschte. Wut darauf, dass immer wieder etwas passierte, mit dem ich mich auseinandersetzen musste. Es bedeutet übrigens nicht, dass ich mit meinem Schicksal hadere, oder nicht bereit bin, Verantwortung für mein Leben zu übernehmen. Manches Mal bin ich sogar dankbar, denn ich wäre nicht die, die ich heute bin, ohne die Erfahrungen die ich in den vergangenen Jahren gemacht habe.

Trotzdem war ich dieses Jahr wütend. Wütend, in Momenten, in denen sich fragende Augen auf mich richteten. Offenbar hätte ich dieses Jahr gerne einmal das Zepter aus der Hand gegeben und andere machen lassen. Ich wollte Neues lernen und mich führen lassen. Ich wollte passiv sein. Alles andere ist nämlich ausgesprochen anstrengend, aufgrund der ständigen Unsicherheit, die damit einher geht. Stattdessen lernte ich, wer (wie ich) möchte, dass ein bestimmtes Ergebnis herauskommt, muss für die eigenen Interessen einstehen - und sich Unterstützung holen oder Hilfe annehmen. Ich scheine besser darin zu werden. Die Frage ist also: Weshalb rege ich mich eigentlich noch auf?

Vielleicht ist es das Temperament. 2014 bescheinigte mir eine Ayurveda-Ernährungsberatung eine Vata-Pitta-dominierte Konstitution und erklärte damit eine Reihe meiner seelischen und körperlichen Befindlichkeiten. Im Ayurveda gilt als wesentliches Grundprinzip der Heilung, dass durch Änderung der Ernährung und der Lebensweise wieder Gleichgewicht im Körper hergestellt werden kann, sowohl für die Psyche, als auch für den Körper. Tatsächlich brachte die ayurvedische Ernährung meinem Magen ein größeres Wohlbefinden. Mit Meditation, Yoga und Sport (um die Pitta Energie auszugleichen) bin ich übrigens in bester Gesellschaft

Sollte ich einen Vorsatz für 2015 formulieren, so würde er lauten: Mehr Learning by doing. Oder um es mit Albert Ellis und Robert A. Harper zu sagen:

"You can only play the piano, diet or correct your past errors by work and practice.

- by literally forcing yourself to follow a new path."

Die Ironie dabei ist, dass dies genau das ist, von dem ich im letzten Jahr weniger wollte. Doch es scheint der einzige Weg zu sein. Zuerst im Job, dann Zuhause, wo im März der Umzug ansteht. Langeweile wird sich auch in diesem Jahr nicht einstellen, und niemand nimmt mir Entscheidungen ab, im Gegenteil: Ich darf zukünftig mehr entscheiden. Selbst beim Bleigießen kam es raus: „Du triffst eine Entscheidung.", sagte das Bleihäufchen. Jetzt freue ich mich darauf. Ich habe bereits einige Entscheidungen getroffen, die mein Leben verändert haben. Das bedeutet: Wer Entscheidungen trifft, gestaltet (Wer sich entscheidet, anderen die Entscheidung zu überlassen, tut dies auch, nur auf eine andere Weise). Es stimmt auch nicht, dass mir niemand Entscheidungen abnimmt. Gelegentlich entscheidet das Leben und stellt mich vor neue Tatsachen, im Guten, wie im Schlechten. Dieses Jahr geschah dies zu meinem Vorteil: Den Verkauf unserer Wohnung in Oldenburg hätte ich vermutlich nicht so einfach durchsetzen können, ohne, dass sich die Begebenheiten leicht geändert hätten. Wie das Leben so spielt.

Nun dann, Ich bin dabei! Mit Yoga, Ayurveda, kochen und reisen, und allem, was dazu gehört. Voller Zuversicht, denn ich habe gemerkt, dass ich eine Reihe wertvoller Tips bereits beherzige. Vermutlich wird auch 2015 irgendetwas passieren. Das Leben findet statt, auch 2015, und man darf gespannt sein!