Bilanz meines Ayurveda-Projekts

Der August ist vorbei. Mein Ayurveda-Projekt ist vorbei. Geht's mir besser? Bleibe ich dabei? Ich hatte vor ein paar Wochen bereits einmal zurück geblickt. Damals hatte ich mir gesagt: Bis Ende August halte ich mich noch an die Ayurveda-Diät, dann entscheide ich, wie ich weiter mache.

Wie mache ich weiter?

Ayurveda hat viel bewirkt für mein körperliches Wohlbefinden. Nur meine Reflux-Beschwerden, die sind immer noch da. Entweder ist mein Körper immer noch so durcheinander, dass er noch mehr vata- und pitta-reduzierende Kost benötigt. Oder das Problem lässt sich doch nicht allein mit der Ernährung lösen. Ich habe mich also noch einmal über Säureblocker informiert und in Rücksprache mit meinem Arzt nehme ich derzeit doch wieder für eine kurze Zeit Pantroprazol, in einer höheren Dosierung als vorher. Ich hoffe, dass dies meine Reflux-Beschwerden mindert.

Für mich bedeutet es nicht, dass das Ayurveda-Projekt gescheitert ist. Im Gegenteil, ich habe gelernt, dass die Art des Essens und die Form der Zubereitung viel zum eigenen Wohlbefinden beiträgt und dass Ayurveda hier ein großes Wissen bereit stellt. Sehr schnell hatte ich das Gefühl, dass dies ein Essen ist, auf das mein Körper gewartet hat. 

Ayurveda und das Verhältnis von Psyche und Essen

Die Annahme, dass es eine enge Verbindung zwischen der Ernährungsweise und der Psyche gibt, ist nicht neu und auch nicht nur Ayurveda eigen. Redewendungen - wie, dass einem etwas auf den Magen schlägt - hat jeder schon einmal gehört. Mittlerweile ist es auch wissenschaftlich erwiesen:

Bauch und Kopf stehen in ständiger Verbindung miteinander und tauschen Signale aus. Der Darm ist dabei weit mehr als nur ein Sklave des Gehirns: Er beherbergt das – neben Gehirn und Rückenmark –dritte wichtige Nervensystem im Körper. Über 100 Millionen Nervenzellen befinden sich in der Darmwand, mehr als im Rückenmark. Dieses »enterische Nervensystem« ähnelt dem Gehirn wie ein Zwilling: Zelltyp, Rezeptoren und Botenstoffe im Darm sind genau dieselben. So wird der Großteil des Botenstoffs Serotonin, der im Gehirn an der Stimmungsregulation beteiligt ist, im »zweiten Gehirn« im Bauch gebraucht und ist dort für die Bewegung des Verdauungsorgans zuständig. (...) Die Signale laufen zwar generell in beide Richtungen, aber 90 Prozent gehen vom Bauch in den Kopf. Und viele Botschaften landen direkt in den Bereichen, die für Gefühle zuständig sind. („Iss dich glücklich“ / Die Zeit)

Im Ayurveda gilt als wesentliches Grundprinzip der Heilung, dass durch Änderung der Ernährung und der Lebensweise wieder Gleichgewicht im Körper hergestellt werden kann, sowohl für die Psyche, als auch für den Körper. Dies ist ein kontinuierlicher Prozess, da sowohl die Lebensweise, die Grundkonstitution des Menschen, die Ernährung, Lebensphasen auf das Gleichgewicht einwirken. So dominiert beispielsweise je nach Jahreszeit ein bestimmtes Dosha, das, je nach Grundkonstitution eines Menschen, ganz unterschiedlich auf den Organismus wirken kann. 

Ich habe in den vergangenen Wochen vieles gelesen und ausprobiert. Mein Wissen, so habe ich das Gefühl, kratzt immer noch an der Oberfläche. Bei der Ayurveda-Beratung wurde meine Konstitution mit Vata-Pitta beschrieben. Sollte ich die Symptomatik beschreiben, so würde ich sagen: Sorgen, Ängste, innerer Anspannung und Gereiztheit - und ihre psychosomatische Manifestation in Reflux, einem gereizten Darm, und einigen allgemeinen Stress-Symptomen. Ich habe mich durchaus wiedererkannt, auch wenn mich eigentlich bloss Reflux zur Ernährungsberatung geführt hatte. Umso überraschter war ich, als ich feststellte, dass mir die Ernährungsempfehlungen Entspannung brachten. Ich habe es an anderer Stelle schon einmal gesagt, dass ich mit ayurvedischem Essen ein Gefühl der Geborgenheit verbinde - sofern man dies von einem Essen überhaupt sagen kann. Eine Geborgenheit übrigens, die mir eine Tafel Schokolade in der Tiefe nicht zu geben vermochte. Obwohl ich gerne an eine Schokoladen-Verkostung mit Rotwein vor Jahren in Leipzig zurück denke.

Ayurveda spricht übrigens keine Verbote aus, auch wenn sich das für mich (und dementsprechend für mein Umfeld) erst einmal so darstellte. Lauter Listen mit Dingen, die ich essen oder nicht essen sollte. Laut Kerstin Rosenberg hat man schon gewonnen, wenn man sich zu 80% an den Empfehlungen orientiert. Ayurveda kennt also das Pareto-Prinzip. Wer sich grob an den Ernährungsvorsätzen orientiert, erreicht mitunter mehr als jemand, der sich krampfhaft bemüht, alle Regeln einzuhalten. Ayurveda erinnerte mich daran, den eigenen Perfektionsanspruch zu hinterfragen. Eine Pitta-Eigenschaft!, könnte ich jetzt lakonisch sagen, und damit zeigen, dass ich etwas gelernt habe.

Ayurveda und Refluxkrankheit

Zunächst war Ayurveda für mich nichts anderes, als eine neue Diät, dich ich ausprobiert habe. Ich war skeptisch, alles klang verheißungsvoll, aber auch etwas versponnen. Gerne wird die uralte Tradition betont, und ich dachte: Das impliziert einen hohen Erfahrungsschatz, kann aber auch Rückständigkeit und Irrationalität bedeuten. Ich verglich also die ayurvedischen Ernährungsempfehlungen mit denen meines Anti-Reflux-Ratgebers, von dem mein HNO-Arzt zähneknirschend gesagt hatte, das sei zumindest einer der besseren.

Die allgemeinen Tipps für Reflux-Patienten fand ich wieder in den allgemeinen Ernährungsempfehlungen des Ayurveda: Kleinere Mahlzeiten, vier Stunden vor dem Schlafengehen nichts mehr essen und generell: gut kauen. Wer erinnert sich an den Biologie-Unterricht mit der Oblate, die durch das Enzym Amylase bereits im Mund in Maltose zerlegt wurde?

Auch bei den Lebensmittelempfehlungen fand ich viele Übereinstimmungen. Kartoffeln helfen, Tomaten sind verpönt. Ebenso Schokolade, Kaffee und Alkohol. Das Anti-Reflux-Kochbuch geht unter anderem davon aus, dass viele Probleme der Reflux-Patienten dadurch entstehen, dass das Enzym Pepsin mit der aufsteigenden Magensäure in Regionen gelangt, wo es nicht hin gehört. Statt Nahrung zu zersetzen, greift das Enzym dann andere Gewebe an. Die Diät-Empfehlung des Anti-Reflux-Kochbuchs konzentriert sich auf Lebensmittel, deren pH-Wert hoch ist, da Pepsin ab einem pH-Wert von 6 nicht mehr aktiv ist. Ich verabschiedete mich von Erdbeeren.

Ayurveda interpretiert Reflux vor allem als Stress-Symptom. Reflux wird hier einem erhöhten Pitta zugeordnet. Erhöhtes Pitta brennt: Zu viel, zu schnell. Ayurveda empfiehlt Lebensmittel, die vom Körper schnell umgesetzt werden können, und rät gleichzeitig, auf scharfes, saures und salziges Essen zu verzichten. Dazu kommt viel Bewegung / Sport: das beste Programm zur Regulation von Stresshormonen. 

Alles voller Schwermetalle?

„Ayurveda? Na, dann viel Spaß, da steckt viel Blei drin!, war der erste Kommentar, den Kollegen äußerten, als ich sagte, ich ernähre mich jetzt mal ayurvedisch. Ich dachte: Zum Glück konzentriere mich weitestgehend auf Gemüse, und nicht auf ayurvedische Medikamente. Schwermetalle beizumischen scheint nämlich nicht nur ein Versehen, sondern durchaus beabsichtigtAngeblich sollen sie als feine Partikel dann wieder gute Wirkung haben, was jedoch nicht ganz hin haut. Hier zeigt sich, dass altes Wissen eben manchmal doch veraltetes Wissen ist. 

Abgesehen vom Bleigehalt, scheint Ayurveda in unseren Breitengraden vor allem Wellness zu bedeuten: Massagen, Yoga und Meditation - und damit nur ein Bruchteil dessen, was Ayurveda eigentlich umfasst. Wie nahezu alles im Leben, scheint auch Ayurveda kein Patentrezept. Während ich die positive Wirkung von feinstofflichen Schwermetallen für groben Unfug halte, kann ich sagen, dass die Ernährungshinweise, die allgemein auf eine ausgewogene Ernährung  und Lebensführung zielen, bei mir durchaus positive Effekte hatten. 

In einigen Bereichen scheint Ayurveda mittlerweile durchaus als Ergänzung zur Schulmedizin anerkannt - bei Magen-Darm- oder Hauterkrankungen zum Beispiel. Gemeint scheint auch hier in der Regel die Mischung aus individuellen Ernährungs- und Lebensempfehlungen mit Massagen und anderen Anwendungen, nicht die ayurvedische Medikation.

Fazit

Trotz einer gewissen Skepsis gegenüber Ayurveda, hat mir die Ernährungsumstellung viel Gutes gebracht. Das Essen ist wohlschmeckend und wirkt sehr ausgewogen. Meine Reflux-Beschwerden hat die ayurvedische Diät nicht beseitigt.  Inzwischen habe ich mich noch einmal an Pantoprazol in einer höheren Dosierung versucht. Vollkommen beseitigt hat dies meine Beschwerden ebenso wenig wie alles andere. Die Ernährungsumstellungen haben mir deshalb bislang am meisten zugesagt: ohne Tabletten haben diese ähnlich gute, wenn auch nicht optimale Ergebnisse gebracht wie die Medikation. Und ich habe festgestellt: Wenn ich ayurvedisch koche, fühle ich mich wohler in meiner Haut. Man wird sich bei mir deshalb auch zukünftig über ayurvedische Rezepte freuen können.