Zu Besuch bei Störchen & Füchsen an der Havel

Immer mehr Freunde ziehen aufs Land. Ich mache lieber Ausflüge. Diesmal geht's Mit dem Rad entlang der Elbe & Havel. Viel Getier und wenig Menschen, Könnte ich hier leben? Ich glaube nicht.

An der Havel lang

Freundliche Menschen in Grütz

In Grütz kommt der Bäcker zwei Mal die Woche. Dafür wird man belohnt in Grütz mit Landschaft: grüne Wiesen, idyllische Flussläufe der Havel, Wälder. Daniel und ich übernachten in Grütz am Biwak-Platz. Während wir die Lage checken, spricht uns ein freundlicher Herr an und sagt uns den Preis. Die Kasse machen wir am nächsten Morgen ganz unkompliziert, selbstverständlich gibt es eine Quittung.

Der Biwak-Platz ist einer von vielen in der Region. Auch für Radler wie uns, ist dies ein feiner Flecken. Ein traumhafter Sonnenuntergang mit Blick auf die kleine Marina, in deren Restaurant wir uns zuvor ein Bier und eine Dusche gegönnt haben, eine Feuerstelle, selbst Stromanschluss gibt es auf Wunsch. Am folgenden Morgen wird uns der Müll von einer freundlichen Dame aus der Hand genommen. Die Grützer sind freundlich und umsichtig.

Grütz war die zweite Station unserer 3-Tages-Tour mit dem Rad von Wittenberge nach Potsdam, auf Abschnitten des Elberadwegs, des Havelradwegs und des Havellandwegs und für mich einer der entspanntesten Flecken dieser Tour. Die Landschaft ist vielseitig und für Städter wie uns gibt es viel zu sehen. Vor allem Felder und Tiere:

"Schau mal: Schafe!" - "Kuck, Störche!"

… "und da: War das ein Otter?"  - So ein Ausflug aufs Land ist für Städter ja immer aufregend, auch wenn ich Füchse beispielsweise bereits im Leipziger Clara-Park gesichtet habe. Wer Tiere entdeckt, die sich sonst eher rar machen, fühlt sich geehrt. Game Drive in der Altmark. Mindestens ebenso beeindruckend finde ich jedoch die Landschaft.

Sollte ich die Tour in wenigen Sätzen zusammenfassen, würde ich sagen: Wir sind durch Felder gefahren, durch Wälder und an Flussläufen entlang. Wir haben wenig Menschen gesehen. Der Wind fegte übers Feld und pfiff um meinen Fahrradhelm. Der Kopf war frei. Begegnet sind uns Wildgänse, Störche, Schafe, Kühe, Otter, Marder, Katzen, Rehe und ein Fuchs?

Von Wittenberge nach Rathenow

Ausgangspunkt unserer Tour war Wittenberge. Für Durchreisende wie uns, wirkt Wittenberge schön, und ausgestorben. Die erste Nacht verbringen wir auf einem Zeltplatz mitten in der Stadt, der sich als eine Mischung aus Strandbad und Bungalowsiedlung herausstellt - und ziemlich verlassen wirkt. Die Frau, die wir fragen, ob wir richtig sind, weiß nichts von einem Zeltplatz und suchte nur einen Pullover, den sie tagsüber, als sie mit der Kindergruppe im Strandbad war, vergessen hatte. Wir finden eine Handy-Nummer am Eingang und können unser Zelt für eine Nacht aufbauen.

Wittenberge

Am Morgen verlassen wir das Gelände, bevor jemand erscheint. Das Tor lassen wir offen, so wie wir es vorgefunden hatten. Bei der Deichbäckerei gönnen wir uns einen Filterkaffee und ein Stück Butterkuchen. Ostcharme lässt grüßen. Bereits zum zweiten Mal, lästere ich, entführe ich meinen Liebsten in den Osten Deutschlands.

Wenn man Rainald Grebe Glauben schenken darf, gibt es Länder, wo etwas los ist, und es gibt Brandenburg. Die Stadt Rathenow erinnert tatsächlich an diese Tristesse: Baulärm an jeder Ecke, eine Einwohnerstruktur, deren Altersdurchschnitt bei 50 liegt. Eine schmucklose Innenstadt, in der sich Kik an Netto reiht, gesäumt von Friseurgeschäften und Uschis Nadelsalon. Mag sein, dass die Stadt der Optik auch schöne Ecken besitzt, wir jedoch verweilten nicht länger als ein Frühstück, auch das gleicht einer Tristesse.

Einen ganz anderen Charme versprühte dagegen das kleine Dorf Rühstädt. Das europäische Storchendorf ist nicht nur aufgrund seiner berühmten Besucher sehenswert. Auch sonst ist das Dorf idyllisch und gepflegt. Alles dreht sich um den Storch, das muss man mögen, und wenn, dann wird man den Besuch im Dörfchen genießen.

In Havelberg, wo sich Elbe- und Havelradweg treffen, kehrten wir zum Mittag ein. Havelberg ist ein angenehmes verschlafenes Städtchen mit einem kleinen Marktplatz und ein paar Restaurants. Am Nachmittag sehen wir ausschließlich Wiesen und Felder bis wir am Abend in Grütz einkehren. Um Grütz herum gibt es einige sehr schönen Fahrradstraßen, die durch Wälder und Wiesen führen.

An der Havel lang
An der Havel lang
An der Havel lang
An der Havel lang
An der Havel lang
An der Havel lang

Von Brandenburg an der Havel nach Potsdam

Die Nacht verbringen wir im Seecamp Malge kurz vor Brandenburg. Hier treffen wir wieder auf Menschen. Der Campingplatz in Malge stammt vermutlich aus den 90iger Jahren. Ich fühle mich an meine Kindheit erinnert, als der Nachtwächter (die reguläre Aufnahme von Neuankömmlingen findet nur bis 17 oder 18 Uhr statt) das Wort 'Duschmarke' erwähnt. Daniel, der in Italien auf einem Vier-Sterne-Camping-Platz gejobbt hat, weiß nicht wovon der Mann redet.

Der Campingplatz liegt idyllisch am Südufer des Breitlingsees. Abgesehen davon gibt es wenig zu sehen. Einzig das Essen im Gasthof am See in Malge habe ich in vorzüglicher Erinnerung. Während der Radtour hatte ich meine Ayurveda-Diät weitestgehend ignoriert. Wer diesen Sketch über Zöliakie kennt, kann nachempfinden, wie es mir in solchen Momenten geht, auch wenn meine Probleme eine andere Ursache haben. Statt nichts zu essen, kapituliere ich auf Reisen. Meist nehme ich von Zuhause ayurvedisch angehauchtes Gebäck mit, die ich vorher zubereitet habe (zB Muffins) und Laktasetabletten. Ansonsten lebe ich von Ausnahme zu Ausnahme. In Malge lechzte ich nach Tagen ohne viel frisches Gemüse nach Grün und ließ mir eine Forelle mit Kartoffeln und Spinat statt Salat-Buquet zubereiten. Das Gericht war köstlich! Beim bodenständigen Ambiente des Gasthofs hatte ich damit gar nicht gerechnet. Ein Glas Weißwein gönnte ich mir dennoch - eine kleine Ausnahme.

An der Havel lang
An der Havel lang
An der Havel lang
An der Havel lang

Auf der letzten Etappe kommen wir kurz vor Potsdam vom Havelradweg ab, erreichen aber unser Ziel dennoch unbeschadet. In Potsdam steigen wir ermattet in die S-Bahn und lassen uns zu unseren Freunden nach Berlin-Mitte bringen.

Das Massive-Attack-Konzert im Tempodrom, der Anlass für unsere kleine Reise, bildet einen schönen Abschluss. So angenehm wie die Ruhe der Deiche, Felder und Wälder ist, so gern habe ich auch den urbanen Trubel einer Großstadt.

Berlin Tempodrom

Dies wird hoffentlich nicht die letzte Tour dieser Art für uns gewesen sein! Das nächste Mal jedoch - so viel ist sicher - radeln wir auf anderen Fahrrädern.