Kurze Ayurveda-Bilanz

Oder soll ich sagen: Lebensbilanz? Ich bin in Oldenburg, um den Keller meiner Eltern auszumisten. Unweigerlich stösst man bei so etwas auf längst vergessene Relikte der eigenen Kindheit - und so ziehe ich generell Bilanz, auch für Ayurveda.

New Kids On the Block, das Montglane Spiel und alte Klassenfahrtsberichte. Alles ein Teil von mir.
New Kids On the Block, das Montglane Spiel und alte Klassenfahrtsberichte. Alles ein Teil von mir.

Im April 2001, damals 23, schrieb ich in mein kleines Tagebuch:

„Du hast noch so viel vor, die Welt ist zu klein für Dich! Du wirst Bilder malen, Filme drehen, Menschen treffen, durch die Tropen wandern, schwitzen, trinken, essen, das ganze Programm. Du wirst in einem Traumhaus wohnen, die Kohle heimbringen und am Sonntag wird Dir Dein Süßer das Frühstück ans Bett bringen. Die Sonne scheint, die Palme spendet Schatten, die Lamellen knarzen und unterm Moskitonetz geht die Post ab.


Dann sehe ich an mir runter, wie ich hier sitze, in Schlabberhose und Schlabberpulli, das Knuspermüsli im Bauch, die Zigarette in der Hand und denke: Ja, klar, so gewinnst Du die Welt, alles paletti..."

… Zigarette in der Hand?! Viel hat sich getan in den 14 Jahren. Mit 23 hat man noch Träume, so scheint es. Aber eigentlich geht es hier nicht um Größenwahn, sondern ums Essen. Der letzte Satz zeigt, dass meine Esskultur heute mit der von damals wenig gemein hat. (Erstaunlich finde ich allerdings auch, dass ich mit 23 noch davon ausging, ich würde einem künstlerischen Beruf nachgehen und damit Geld verdienen. Ich war überzeugt, ich hätte das Thema mit 19 ad acta gelegt.)

Ich ernähre mich jetzt also richtig gesund. Die Frage ist: Hilft das? - Natürlich hilft das! Es geht meinem Magen besser, wenn ich keinen Alkohol trinke. Meine Seele bedauert es häufig. Erst heute habe ich wieder gesündigt und ein Glas Weißwein getrunken. Das Gute, wenn man selten trinkt: man braucht weniger. Schon ein Glas reicht für einen leichten Glimmer. Den vermisse ich manchmal.

Ayurveda spricht keine Verbote aus, eher Empfehlungen. Von "meiden" ist die Rede, Verbote habe ich daraus gemacht. Ich versuche alles genau einzuhalten, weil ich noch immer mit Reflux zu kämpfen habe. Je genauer ich bin, desto wahrscheinlicher verschwinden die Beschwerden, denke ich mir.

Denke ich an Reflux, hilft Ayurveda bislang aber genau so wenig wie alles andere (Pantoprazol, Anti-Reflux-Diät). Meinen Gastroenterologen verwunderte dies überhaupt nicht. Er lobte mein Engagement, wies aber gleichzeitig darauf hin, dass meine Probleme ja nicht von einer falschen Ernährungsweise kämen, sondern von einer Magenschleimhaut-Insel, die mehr Säure produziere. Ich möchte trotzdem sehen, ob es einen Weg gibt, auf Säureblocker verzichten zu können, denn die sind ja angeblich auch nicht ohne.

Abgesehen vom Reflux bewirkt Ayurveda eine Menge. Ich genieße meinen Porridge als Frühstück. Es ist der beste Moment meines Tages. Mein Magen genießt das. Ich verbinde regelrecht ein Gefühl der Geborgenheit damit, auf jeden Fall der Wärme, Nähe und Zufriedenheit.

« Die ayurvedische Küche kennt also keine strengen Regeln, wir lernen aber, auf den eigenen Körper zu hören und üben uns in Achtsamkeit: Was tut uns gut, was schmeckt uns, was brauchen wir und wie fühlt sich das Essen an - nicht nur am Gaumen, sondern auch auf seiner Reise durch unseren Körper. Gehaltvolles, liebevoll zubereitetes Essen macht zwar satt und zufrieden, es macht uns aber nicht müde und liegt uns niemals schwer im Magen!»


(www.ayurveda-kochen.at)

Tatsächlich: Ich nehme das Essen und seine Wirkung bewusster wahr. Das Essen liegt mir selten schwer im Magen, Müdigkeit nach dem Essen kenne ich kaum mehr.

Angespornt durch diese Erfolge, habe ich weitere Dinge ausprobiert, z. B. Teile der ayurvedischen Morgenroutine. Über das Ölziehen war ich ja überhaupt zu Ayurveda gekommen. Ich hatte festgestellt, dass ich damit tatsächlich weniger Aphten und Zahnbeläge hatte. Natürlich halte ich mich nicht an alle Empfehlungen, mittlerweile aber doch an viele: Meine morgendliche Routine besteht aus Mundhygiene (1-2 Mal die Woche mit Ölziehen und Zungenreinigung), einem heißen Glas Wasser zu Beginn des Frühstücks und einer kleinen Yoga-Reihe. Die Selbstmassage mache ich ungefähr einmal wöchentlich, jedoch eher am Abend, da ich meist abends bade oder dusche. Mit Ayurveda fühle ich mich wohler in meiner Haut. Kein Wunder, denke ich, dass Ayurveda beim Thema Wellness gerade boomt.

Die ayurvedische Ernährung verlangt viel Disziplin. Ein Kollege von mir sagte, ayurvedischer Ernährung zu folgen, sei anstrengender als vegan zu leben. Das glaube ich nicht. Ich glaube jedoch, an Veganer und Laktoseintolerante hat sich die Gesellschaft bereits gewöhnt. Wenn ich sage, ich ernähre mich ayurvedisch, schaue ich meist in ratlose Gesichter: Warum kann ich Kartoffeln essen, aber keine Tomaten? Dies zu unterscheiden, finde ich selbst gar nicht so schwer.

Ich finde anstrengend, dass ich fast alles, was ich esse, selbst zubereiten muss - wenn ich mir sicher sein will. Dies erfordert ein gutes Zeitmanagement und viel Disziplin. Ich liebe einen gut strukturierten Tag, doch wenn ich unterwegs bin, gelingt es mir kaum, die Routine aufrecht zu erhalten. So gelang es mir bis Mai, immerhin 5 Wochen, die Diät und Lebenswandel weitestgehend konsequent durchzuhalten. Danach hatte ich immer öfter Schwierigkeiten, entdeckte mich bei Ausnahmen und Ausflüchten. Sei es in Italien, auf meiner Radtour entlang der Havel oder im Schanzen-Viertel. Es gibt einen Graben zwischen Anspruch und Realität - scheinbar immer noch, wie mit 23.

Leider hat dies Konsequenzen. Auf einmal sind die kleinen unbequemen Dinge zurück: Die Kopfhaut juckt wieder, im Mund habe ich häufig Aphten oder Herpes, die Nasenschleimhäute sind entzündet, ich schlafe schlecht, bin heiser am Morgen oder ich bin gereizt und ich spüre meinen Magen. Schnell ist mir alles zu viel, ich fühle mich unwohl in meiner Haut. Liegt das an meiner mangelnden Disziplin, oder ist besteht da gar kein Zusammenhang? Was sagt das über mein Ayurveda-Projekt?

Zwischenbilanz: Ayurveda tut wohl und eignet sich für Teilzeit-Arbeitende.

Man braucht nämlich Zeit zum Kochen, und vorkochen. Ich liebe kochen! Nach einem 8-9 Stunden-Tag bin ich aber häufig zu kaputt, um den Kochlöffel zu schwingen. Früher habe ich mir das aufgehoben für Freunde und Familie.

Ich hatte mir das Ziel gesetzt, bis Ende August am Ball zu bleiben und dann Ayurveda, wenn die Doshas im Gleichgewicht sind, entspannt in den Alltag zu integrieren. Viele Einschränkungen gibt es mit Ayurveda nämlich nur, wenn man, wie ich, aufgrund eines Ungleichgewichts der Doshas einer speziellen Diät folgt. Ist das nicht der Fall, kann man fast alles essen. Es ist dann vor allem eine Frage der Kombination der Zutaten. Milch vermag beispielsweise Säure zu absorbieren. Das sagte übrigens auch mein Anti-Reflux Kochbuch: Rosinen im Müsli waren ok, da die Säure der Rosinen von der Milch absorbiert wurde. Gleiches gilt übrigens für Milchkaffee, der magenverträglicher ist, als schwarzer Kaffee. Ich möchte also am Ball bleiben und die Disziplin wieder aufnehmen.

Angeblich braucht es 30 Tage, um neue Gewohnheiten zu etablieren. Ich stelle eher fest, dass es mir leicht fällt, für 30 Tage etwas durchzuhalten (also für einen begrenzten Zeitraum), aber schwer, wenn ich danach weiter machen soll. Wenn ich der Wissenschaft Glauben schenke, liegt es daran, dass ich z.B. Kaffee und Alkohol nicht durch eine andere positive Gewohnheit ersetzt habe - zumindest keine, die diese Genussmittel in meinen Augen tatsächlich ersetzen würden. Kamillentee oder stilles Wasser trinke ich bereits tagsüber am laufenden Band. Vermeintliche Alternativen wie Getreidekaffee (naja, ehrlich?) sind nicht wirklich welche. In Wahrheit suche ich wahrscheinlich kein neues Getränk, sondern etwas, das den Übergang zwischen Arbeitstag und Freizeit markiert. Oder die kleine Besonderheit im Alltag, die der Kaffee zum Beispiel ist. Was könnte das sein? Sonne!, denke ich sofort - aber die ist etwas sprunghaft. Sport dauert zu lange. Freunde trinken meistens Kaffee oder Alkohol (dann möchte ich auch). Ich habe noch keine Antwort, und suche weiter. Das Ayurveda-Projekt läuft noch bis Ende August, dann werde ich überlegen, ob ich es fortführen will. Und ob Ayurveda dauerhaft etwas zur Linderung meiner Verdauungsprobleme beiträgt.