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Oldenburg – Sorgenfrei & gemütlich

Zu Besuch in der Heimatstadt. Ich beschreibe Oldenburg immer als gutbürgerliches Beamtenstädtchen. Das liegt sicher an meiner Kindheit. Und an den Medien.  Hier passiert wenig. Könnte ich hier noch einmal leben? Später möglicherweise, derzeit? Eher nein.

Gutbürgerliches Beamtenstädtchen

Nur in Oldenburg lese ich Headlines wie "Navigerät aus Auto gestohlen" oder höre, dass unbekannte Täter die Straßenlaterne des Nachbarns rot angemalt haben. Wenn das alles ist, denke ich mir, dann ist die Welt noch in Ordnung.

Oldenburg ist ein idyllisches Städtchen. Als ehemalige Residenzstadt, die die Kriege verhältnismäßig gut überstanden hat, gibt es noch viele wunderschöne alte Häuser, beispielsweise im Dobbenviertel, wo ich aufgewachsen bin.

Studentenstadt

Oldenburg ist auch eine Universitätsstadt und mit ca. 158 000 Einwohnern ist die Stadt gar nicht so klein, wie sie oftmals klingt, wenn ich von ihr erzähle. Grund dafür ist sicherlich die Art, wie ich Oldenburg als Kind und Teenager wahrgenommen habe: Mit den Kindern im Viertel bin ich durch Gärten gekrochen, alles ist 'um die Ecke' oder mit dem Fahrrad nur einen Steinwurf entfernt. Als Teenager gab es 1-2 Clubs, die man aufsuchte, und wenn ich Pech hatte, konnten mir meine Eltern am nächsten Tag sagen, wo ich gewesen war, weil Bekannte es ihnen erzählt hatten. Bekannte Gesichter gibt es an jeder Ecke, nur dass ich heute kaum einen davon noch wirklich kenne.

Oldenburgs Idyllische Innenstadt

Auch Oldenburgs Innenstadt hat etwas Kleinstädtisches. Vielleicht, weil sie so schnuckelig ist: Man bummelt durch eine in sich geschlossene Fussgängerzone auf zwei Hauptstraßen am Rathaus und Markt vorbei, an Cafés und Geschäften. Auch die Seitenstraßen wie die Berg- oder Kurwickstraße liebe ich. Hinzu kommt: Oldenburger haben Geld und sehen gut aus. Es gab mal eine Broschüre, die das Bild für mich perfekt widergespiegelt hat. Ich kaufe ja mittlerweile kaum etwas, das ich nicht brauche. In Oldenburg streife ich dann häufig allein der Atmosphäre wegen durch die Läden. Der Besuch des Hofgartens, an seinem alten Standort, gehörte für mich lange zu einem Ritual. Heute dagegen gab es eine neue Fahrradtasche von Munderloh und einen Messbecher vom Hema.

Die Austauschbarkeit von Zara, Calzedonia, Tchibo, Promod und einem Coffee Shop wird hier zumindest im Ansatz gebrochen. Starbucks sucht man in Oldenburg noch vergeblich. Stattdessen gibt es die Espressobar Kaffeekunst, in der man, dich gedrängt zwischen Frauen gesetzten Alters, alten Herren mit Zeitung und schreienden Kindern einen Kaffee und ein Stück Kuchen genießen kann. Es ist immer ein bisschen zu eng und zu wuselig, aber urgemütlich und eine Wohltat für pflastermüde Füße.

Im Kaffee & Kleid gibt es wunderschöne Klamotten von NOA NOA, Latte Macchiato und Kuchen. Zwischen Frauen mittleren Alters kann man hier in nett dekoriertem Ambiente einen guten Kaffee und leckeren Käsekuchen essen. Ein 'Café +', also ein Café mit einem Buchladen/Klamotten/Musik, war lange ein Traum von mir. Solche Konzepte habe ich immer gerne aufgegriffen mit dem Gedanken: "Mach ich später vielleicht auch einmal, hach…" Hier bin ich noch nicht sicher, ob es mir wirklich gefällt. Hat sich der Traum ausgeträumt?

Wochenmarkt am Pferdemarkt

Samstags versuche ich, Zeit für den Wochenmarkt zu finden. Meine Tante und mein Onkel lieben den Markt am Pferdemarkt, und so haben wir uns bereits ein paar Mal beim Stand von "L'Antipasto" auf einen Caffè getroffen, wenn sie und ich in der Stadt waren. Der Wochenmarkt an der Lambertikirche ist ebenfalls schön: überschaubar, und doch bietet er eine Menge Köstlichkeiten. Früher habe ich es geliebt, mit einem Strauß Blumen in der Satteltasche von dort nach Hause zu radeln.

Kleine, grüne Fahrradstadt

Das Fahrrad ist eines der wichtigsten Fortbewegungsmittel in Oldenburg. Mit dem Haarenesch/Katharinenstraße gibt es sogar eine "Fahrradstraße". Vielleicht ist es die Nähe zur Partnerstadt Groningen (die Niederländer sind bekanntermaßen Fahrradfreaks), die kurzen Distanzen oder das flache Land, dass das Fahrrad in Oldenburg zu so einem beliebten Gefährt macht. Eigentlich ist man mit dem Rad in 20 Minuten überall. Auch im Grünen. Zum Beispiel entlang der Hunte. Insgesamt ist das Umland sehr schön. Das Ammerland mit seinen Baumschulen, Ostfriesland mit der Küste - dafür braucht man dann im besten Fall doch ein Auto.

In Oldenburg selbst ist man auch zu Fuss ist man im Null komma Nichts im Grünen: Der Schlossgarten, mit netten Baumhäusern und bunten Brücken, liegt mitten in der Innenstadt. Er wendet sich an diejenigen, die hübsch arrangierte Gärten bevorzugen. Dort kann man an Tümpeln Schwäne füttern und am Gewächshaus auf lauschigen Plätzen Romane lesen. Damit die Jugend nicht ihr Unwesen dort treibt, wird der Schloßgarten am Abend abgeschlossen. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, denkt man sich in Oldenburg. Das Eversten Holz wiederum ist für die Jogger und Hundebesitzer. Auch ich laufe hier gerne. Mir war bis vorhin nicht klar, dass ich dabei einen irren Blick habe - das Bild möchte ich dennoch nicht vorenthalten:

Das "Holz", wie es kurz genannt wird, gefällt mir durch seine Mischung aus grünen Wiesen und Wald. Als Kind habe ich mich gern im Gewirr der Wege verlaufen und musste von Bekannten tränenüberströmt aufgelesen und nach Hause gebracht werden. Heute denke ich: Hier kann man wirklich unter dem Blätterdach versinken und dem Alltag kurz entlaufen. Dass das auch so bleibt, darum kümmern sich die Freunde des Eversten-Holz.

Mit Großveranstaltungen wie dem Kultursommer und Oldenburg kocht! bietet Oldenburg besonders im Sommer ein breites kulturelles Programm - für's kleine Portemonnaie, wenn man mag. Früher traten beim Kultursommer namenhafte Bands auf, jetzt erscheinen sie mir teils weniger bekannt, was der Qualität jedoch keinen Abbruch tut. Ich erinnere mich, dass früher die Menschenmassen Konzerten (war es Fury in the Slaughterhouse?), bis in die Gassen reichten, so dass man kaum sehen und nur hören konnte.

Je mehr ich schreibe, desto bezaubernder klingt Oldenburg wieder in meinen Ohren. Dies hängt vermutlich damit zusammen, dass ich derzeit hier bin, um auszumisten. Dinge, die sich über 40 Jahre angesammelt haben, holen mein Vater und ich derzeit aus unserem Keller - das macht emotional und sentimental. Denn eigentlich passe ich nicht mehr nach Oldenburg. Alles ist ein bißchen zu schick, ein bisschen zu schön, um wahr zu sein. So ist mein Leben nicht.

Später vielleicht, Oldenburg, sehen wir uns wieder… und zu Besuch komme ich immer gerne.