Stadt #2: Venedig: Mit einem, der sich auskennt

Eine Woche Venedig. Das bedeutet: Harte Arbeit für die Füße. Belohnt wird man mit idyllischen Gassen, bildschönen Plätzen und vorzüglichem Essen. Besonders, wenn man die Stadt erkundet mit einem, der sich auskennt. Könnte ich in Venedig leben? Eher nicht. Hinfahren: Immer wieder gern. Venedig ist mehr als eine Postkartenkulisse, das weiß ich nun.

Venedig mit einem, der sich auskennt

"Diese Stadt, die man nicht sterben lässt und die bei lebendigem Leibe in ihren schmutzigen Wassern verfault, kann ich beim besten Willen nicht lieb gewinnen. (...) die Liebe, die man ihr entgegenbringt, erschien mir immer nekrophil."

Julian Green (1900-1998, "Lexikon der Städtebeschimpfungen")

Auf den ersten Blick ein schräges Bild

Nicht ganz so schräg wie bei Julian Green, aber dennoch: Venedig strahlt mit einem Glanz aus vergangenen Zeiten, besonders am Lido: Das Grand Hotel Des Bains ist vernagelt. Auch wenn eine Investment Group eine rosige Zukunft für das Gebäude verspricht, wirkt es eher, als habe die Insel die beste Zeit bereits hinter sich gelassen. Man läuft durch die Gassen und träumt sich in die vergangene Idylle: Damals sassen sie alle in den feinen Cafés an der Promenade, so wie wir jetzt.

An der Piazza San Marco, scheinbar unbeeindruckt vom Gewusel der Touristen, spielen kleine Kapellen tragende Stücke. Hin und wieder bildet sich eine Traube von Zuhörern, die verzückt applaudieren. Gondolieri wiederum chauffieren Touristen durch die Kanäle und trällern internationale Klassiker zum Mitsingen: O sole mio, cielito lindo oder Qué será será. Ob Spanisch oder italienisch, kann das überhaupt einer unterscheiden?

Touristen mit Rollkoffern drängen über die Hauptverkehrsadern, an deren Seiten fliegende Händler und kleine Läden mit venezianischen Masken als Schlüsselanhänger, Ledertäschchen aus chinesischer Hand und bunten Ketten aus Murano-Glas ihre Waren feil bieten.  Das Verhältnis der Venezianer zu den Touristen ist ambivalent. Viele sind vom Tourismus abhängig, doch sie sind genervt, dass ständig Fremde im eigenen Wohnzimmer stehen. Kein Wunder, in Venedig verkehren täglich mehr Besucher als es Einwohner gibt. Kennt man sich in Venedig aus, weiß man, welche Gassen man meiden sollte, um dem Chaos zu entgehen.

Alltag in Venedig, den Touristen zum Trotz

Wir beziehen unser Airbnb-Zimmer im Studentenviertel Dorsoduro und starten in den Tag mit einem italienischen Frühstück: ein süsses Teil mit Crema, Cappuccino und 3 Laktasetabletten auf die schnelle an der Theke. Dann beginnt die Odyssee durch die Stadt. Rialto Brücke, Peggy Guggenheim-Museum, Piazza San Marco - insgesamt deutlich mehr als 10 km Fussmarsch. Meine Schuhe, ein fast 5 Jahre altes Modell von Vivobarefoot, liebe ich seit dem noch inniger. Die Mehrzahl der Touristen bleibt wenige Tage - Tagesgäste der Kreuzfahrtschiffe einmal ausgenommen. Mit anderen Worten: Wir fallen aus dem Rahmen. 

Daniel hat 8 Jahre in Venedig gelebt und bewegt sich durch die Gassen wie ein Speedboot an Land: "In Venedig läuft man hinter einander" erfahre ich und verbringe fortan viel Zeit damit, mich an die Fersen meines ortskundigen Begleiters zu heften. Mir offenbart sich eine Welt die Venedig mit anderen Augen zeigt, den Touristen zum Trotz. In Restaurants und Bars treffen wir alte Bekannte. Ruhige Seitengassen und Hinterhöfe geben Blicke auf Gärten und Parks frei, kleine Oasen der Stille abseits des Gewusels.  

Venedig ist eine kleine Stadt. Im historischen Zentrum leben knapp 60.000 Einwohner. Die Mehrzahl pendelt vom Festland, von Mestre, in die Lagune. Die, die bleiben, können sich ein Leben anderswo schwer vorstellen. Lieber leben sie, wie Ramona, in einem WG-Zimmer in der Lagune, als in einer eigenen Wohnung in Mestre auf dem Festland, wo die Mieten erschwinglich sind. Oder Sara, die sagte, in einer anderen Stadt zu leben, falle schwer, wenn man die Ruhe der Lagunenstadt kenne, in der keine Autos fahren.

Venedig: Trubel und Ruhige Ecken

Lieblingsplätze

  • DIE FONDAMENTA DELLA MISERICORDIA im Stadtteil Cannaregio bleibt meine Lieblingsstraße: Belebt, aber trotzdem weniger wuselig als manch andere Ecke in Venedig, reihen sich hier kleine hübsche Restaurants und Läden aneinander, wie z. B. das Paradiso Perduto. 
  • DIE BASILIKA SAN PIETRO DI CASTELLO im Sestiere Castello. Hier durchquert man lebendige Strassen in den venezianischen Wohnbezirken und wird belohnt, nach einem ordentlichen Fußmarsch, mit Stille und schattigen Bänkchen, von denen aus man lesen oder die zahlreichen Hunde und ihre Besitzer beobachten kann. So entspannt kann Venedig sein!
  • MARKT AN DER RIALTO-BRÜCKE - gehört einfach dazu. "Am Rialtomarkt ist Venedig noch Heimat.", sagte der Spiegel einst. Hier gibt's Fisch, Gewusel, Gewürze, einfach herrlich. Märkte am Mittelmeer sind einfach Orte, denen ich nicht widerstehen kann.
  • MAZZORBO - die kleine Insel neben Burano. Weshalb ich sie liebe: Auch hier ist man auf einen Schlag allein. Burano ist das Ziel vieler Touristen. Die Insel ist für seine bunten Fischerhäuser, feine Stoffe und Stickereien, und für Buranelli bekannt.  Das Schiff in Richtung Mazzorbo-Burano ist also meistens proppenvoll. Steigt man, wie wir, eine Haltestelle vor Burano auf der Insel Mazzorbo aus, dann ist man auf einen Schlag unter sich. Auf Mazzorbo befindet sich ein altes Weingut, das zum Hotel mit Restaurant umgestaltet wurde. Ein riesiger, nach alter Tradition gestaltet Garten umgibt das Weingut: Weinreben, Gemüsebeete und lauschige Plätze im Schatten der Bäume - ein Paradies für eine Gemüse- und Kochliebhaberin wie mich.

Essen & Trinken

  • PASTICCERIA TONOLO, Cappuccino und Mandelküchlein - Göttlich! Ich esse mich durch Italien und lasse (fast) alle Ernährungsgewohnheiten außen vor. Hier gibt es süß in allen Variationen. Am meisten schätze ich in Italien, dass es kleine Happen gibt, das allein kommt meinem Magen entgegen. Deshalb verabscheue ich deutsche Bäckereien: Vom Stück Kuchen dort kann ich drei Tage essen. Man speist übrigens am Tresen, Sitzgelegenheiten gibt es nicht. Das ist so üblich in Italien, wo sich die Preise nach Tisch und Tresen unterscheiden. Der Preis "al banco" ist entsprechend günstiger.
  • BAR DA GINO (Dorsoduro): Bodenständig und perfekt für einen Zwischenstop am Mittag, fand ich. Hier gibt es Tramezzini - und auf Wunsch auch einen einfachen Toast mit Pute - köstlich! 
  • DIE WEINBAR 'ALLA VEDOVA' (Cannaregio). Sie ist bekannt für ihre Fleischbällchen. "Knoblauchbällchen", lästerten Daniels Freunde. Wie man sie auch nennen mag: sie sind ein Gedicht! Typischerweise macht man hier Bar-Hopping. Nach einem Wein und ein paar Fleischbällchen geht es in die nächste Weinbar, wo man sich weitere Cicchetti gönnt. 
  • RESTAURANT 'LA ZUCCA' - Es hat mir so gut gefallen, dass ich ihm einen eigenen Beitrag gewidmet habe. Herrlich feine Küche, stilvolles Lokal. 

Fazit: Wer nach Venedig fährt, sollte sich Zeit nehmen. 

Wer sich etwas Gutes tun will, bleibt 3-4 Tage und bezieht die Nachbarinseln mit ein. So hat man die Zeit, das Städtchen abseits der Rialto-Brücke und der Piazza San Marco zu erkunden. Viel Spaß!