Reise: Galicien, sehr schön!

Zu Fuß, per Bus und Bahn und mit dem Auto durchquerten wir Galicien – Wir sahen traumhafte Strände, aßen Meeresfrüchte en masse, trotzten dem Regen und genossen die Sonne. Den Namen Vilagarcía de Arousa habe ich mir notiert: Eine kleine feine Stadt, in der ich mir vorstellen könnte, zu leben. Noch mehr begeistert hat mich allerdings die Natur Galiciens.

Galicien zu Fuss: Zwei Tage auf dem Camino Portugués

Als Pilger waren wir natürlich nicht ernst zu nehmen. „Nee, nee, wir laufen nur so.“, pflegten wir zu sagen, oder: „Wir testen nur die Rucksäcke.“. Formell jedoch liefen wir zwei Tage auf dem Camino Portugués, und zwar von Pontevedra über Caldas de Reis nach Padrón. In Padrón nahmen wir nach 2 km den Bus. Ich hatte mir Blasen gelaufen, leider wurden die Schmerzen zu groß. Sin dolor no hay gloria las ich später in Santiago auf T-Shirts: Ohne Schmerz kein Ruhm.

Pontevedra, unser Start-Punkt, scheint ein idyllisches Städtchen zu sein. Wir trafen am Abend ein, quartierten uns in einem relativ jungen und stilvollen Hostel ein – und hatten dies ganz für uns. Jorge, der Betreiber, sagte, wir sollten uns wie Zuhause fühlen. Er empfahl uns ein paar Restaurants und Bars, die alle geschlossen hatten, so rief er uns vom Balkon noch schnell eine Alternative zu: Bei Fidel - O Pulpeiro speisten wir kurz darauf den besten Tintenfisch - Pulpo a la Galega – und übrigens auch die leckersten Pimientos al Padrón der Reise. In Galicien trinkt man traditionell Wein aus Müsli-Schüsseln, gewöhnungsbedürftig, aber für mich als Schüssel-Fan im Grunde nur ein weiteres Anwendungsgebiet.

Am folgenden Morgen liefen wir los. Die Strecke von Pontevedra nach Caldas de Reis führt durch viele kleine Ortschaften und vorbei an skurrilen Garagen mit Getränkeautomaten, deren Eigentümer wohl keinen Kontakt mit Pilgern wünschen, aber doch um deren Wohl besorgt sind. Teils läuft man durch kleine Felder und Waldgebiete, doch diesbezüglich war die zweite Etappe die deutlich schönere. Zwar liefen wir nicht durch die wilde Natur, dies hatte aber auch den Vorteil, dass wir im Grunde immer eine Gelegenheit fanden, einen Kaffee zu trinken, oder etwas zu essen – obgleich sich das Ziel manchmal ein paar Kilometer weiter fand, als erhofft.

Es war ungewöhnlich warm (ca. 25°C), so dass wir unter unseren Rucksäcken ganz schön ins Schwitzen kamen. Wir entschieden, jede Nacht in einem ordentlichen Bett zu schlafen (statt Zelt). In Padrón, Namensgeber für die Pimientos al Padrón, übernachteten wir in der urigen Pension El Jardín, die sogar eine Webseite besitzt. Ganz erstaunlich, denn die Betreiber sind vermutlich jenseits der 80. Das Interieur ist altbacken und verkitscht. Unsere Rucksäcke wurden in Müllsäcken geparkt – „para no suciar“ / damit sie keinen Dreck machen. Erst bei unserer Abreise erklärte die alte Dame genauer, dass Pilger häufig Ameisen mitbringen, die sich, wenn die Pilger erleichtert ihre Rucksäcke auf die Betten sinken lassen, in den Laken verkriechen. Ihr war aufgefallen, dass wir unsere Rucksäcke auf den Boden gestellt hatten.

Das Fazit: Ich wandere gerne und jetzt kann ich ergänzen: Gerne auch über mehrere Tage. Auf die Schuhe werde ich nächstes Mal mehr Wert legen und beispielsweise den Tipp versuchen, zwei Paar Socken übereinander zu tragen, um Blasen vorzubeugen. Auf meinen Osprey-Rucksack lasse ich nichts kommen. Und der Camino Portugués, das sagen die, die ihn komplett gelaufen sind, ist ein schöner Weg, besonders entlang der portugiesischen Küste.

Santiago de Compostela

Hier landen sie alle: Die Pilger, die kultur- und kunsthistorisch Interessierten auf Studienreise, die Erasmus-Studenten. Man darf sich das ähnlich vorstellen, wie im Film One Day in Europe: Man läuft durch Natur und verlassene Ortschaften, die jeden Tag so wirken, als sei es Sonntag-Nachmittag, und dann landet man in Santiago de Compostela, wo es voll ist. Die Einwohner der Stadt scheinen sich daran gewöhnt zu haben. Ähnlich wie in Venedig lebt man mit den Touristen, profitiert einerseits, schätzt den Austausch oder begegnet dem Trubel mit stoischer Gelassenheit oder Ignoranz.

Es lohnt sich, sich ein paar Minuten auf die Plaza vor der Kathedrale zu setzen und die Ankommenden zu beobachten: Radfahrer, die auf den Platz rollen und erschöpft, aber zufrieden das Fahrrad zu Boden fallen lassen. Wanderer, die sich auf Socken und unter dem Applaus der Umstehenden der Mitte des Platzes nähern und ihre Rucksäcke zu Boden sinken lassen. Wandern kann jeder, so scheint es. Hier landen Menschen jeden Alters, jeder Figur, und ganz gleich welches Fitness-Level, und das gefiel mir. Der Camino de Santiago ist trendy geworden. Es gibt touristische Souvenirs an jeder Ecke: Jakobsmuscheln, Pilgerstäbe, kleine Kalebassen, bedruckte T-Shirts und dergleichen mehr. Skurril wirkt das, steht es doch für viele am Ende einer Reise, die zum Teil auch mit Entbehrungen zu tun hat. 

Ohne Markt geht für mich nichts, also besuchten wir in Santiago den Mercado de Abastos. Ich kaufe zwar nur selten was, ich koche im Urlaub kaum, doch ich liebe das Ambiente. Für Leute für mich, die mangels Gelegenheit nur zum Schauen kommen, hat der Markt eine Lösung: Es gibt dort ein Restaurant, in dem man sich ein Essen zubereiten lassen kann mit Fleisch, Fisch oder Meeresfrüchten, die man auf dem Markt gekauft hat. 

Generell speist man vorzüglich in Santiago de Compostela. Viele Restaurants bieten umfangreiche Mittagsmenüs zu einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis. Die Schwierigkeit des späten Abendessens (in Spanien generell ab 21 Uhr) haben wir auf diese Weise gleich gelöst, ich hatte den Rest des Tages einfach kaum noch Hunger. Zwei Restaurants möchte ich hervorheben:

Bodenständig: Steak mit Kräutermarinade
Bodenständig: Steak mit Kräutermarinade

La Industrial: Industrial Chic im Interieur, Fusion in der Küche, alles lecker. Hipster und Business Crowd kehrten hier am Mittag ein, zu Recht, denn das Essen ist köstlich, die Atmosphäre entspannt, die Kellner aufmerksam und die Musikauswahl ganz nach meinem Geschmack. Am Abend wird La Industrial zu Bar und ich kann mir vorstellen, dass die Barkeeper ähnlich vorzüglich sind, wie das Essen, das serviert wurde. Das Mittagsmenü lag, soweit ich mich erinnere, irgendwo zwischen 20-30 €. | AV. ROSALÍA DE CASTRO 24, SANTIAGO DE COMPOSTELA.

Sepia-Nudeln mit Navaja-Muschel
Sepia-Nudeln mit Navaja-Muschel

Abastos 2.0: Die Einrichtung des Restaurants ist einfach und stilvoll: viel Holz und wenige verspielte Details. Die Küche ist regional bis ins Detail: Die Kellner wissen bei jedem Bissen und Tropfen dessen Ursprung und Herstellung. Man kocht ein wenig im Geiste Ferran Adriàs, mit Gin Tonic Schaum und kleinen Blasen, die platzen und deren Inhalt nach Olive schmeckt. Die regionalen Zutaten werden neu kombiniert, dazwischen gibt es hausgemachtes Brot mit Meersalz vom Konservendosen-Deckel und vorzügliche Weine. Die Sepia-Nudeln und das „Pre-Postre“ blieben mir besonders in Erinnerung. Das Touristen-Menü kostet ca. 30 €, Getränke zusätzlich.  | AMEAS 4. PRAZA DE ABASTOS, SANTIAGO DE COMPOSTELA. 

Galicien mit dem Auto: Entlang der Costa da Morte

In Santiago de Compostela mieteten wir uns für vier Tage ein Auto mit dem Plan, die Küste abzufahren. Der Start war holprig: Mehrere tausend Traktoren blockierten die Stadt, als Protestmaßnahme der Milchproduktion gegen fallende Preise. Als wir den Weg aus der Stadt gefunden hatten, wurde es ruhiger. Galiciens Landschaft ist grün und rau. Ein Freund sagte: „Es wirkt so, als ob der Schwarzwald direkt ins Meer fällt.“ Wir schliefen auf Camping-Plätzen, und, als es regnerisch wurde, in Pensionen. Wir tranken café con leche en masse, aßen Fisch und Muscheln und holten den Wandertag nach, den wir aufgrund meiner Blasen gestrichen hatten.

Nach vier Tagen gaben wir den Wagen in Santiago de Compostela wieder ab, stiegen in Bahn und Bus und fuhren zurück nach Porto. Von dort ging kurze Zeit später unser Rückflug nach Hamburg. Die Fahrt entlang der Küste hatte, im Gegensatz zum Wandern, eine ganz andere Dynamik, und doch fand ich hier einige Höhepunkte unseres Urlaubs. Dies ist meine persönliche Top Five:

Playa de Carnota


#1 PLAYA DE CARNOTA: DER SCHÖNSTE STRAND. Der Strand wurde uns von einer Freundin mit fünf !!!!! empfohlen. Der Weg dorthin führt zunächst durch sattes Grün, man watet durch Wasser und durchquert eine Dünenlandschaft Richtung Strand, bis sich der Blick endlich öffnet. Playa de Carnota ist mit 7 km der breiteste Strand Galiciens. Und wir hatten den Strand – wirklich! – ganz für uns. Kein Mensch außer uns war dort: Herrlich! Bisweilen mag ich diese Einsamkeit. 

Wanderung von Laxe nach Traba

 

#2 VON LAXE NACH TRABA: TAGESWANDERUNG AN DER COSTA DA MORTE. Hier holten wir unseren Wandertag nach und folgten einer Empfehlung unseres Reiseführers. Wir liefen von Laxe bis zur Lagune von Traba, die wunderschön ins Tal eingebettet ist. Die Wanderung ist 8 km lang. Was wir nicht bedacht hatten: Der Ort selbst in noch einmal gute 2 km entfernt (wir hatten auf Restaurants spekuliert). Zufällig fanden wir eine kleine Bar und kauften dort zwei Bocadillos. Als kleine Aufmerksamkeit gaben uns die Damen obendrauf frische Pfirsiche. Wir liefen den gleichen Weg zurück nach Laxe. Die Wanderung war ganz klar ein Höhepunkt der Reise.

Navajas a la Gallega

 

#3 CASA DA CREGA: DIE LECKERSTEN MUSCHELN. In der Nähe von Carnota packte uns plötzlich der Hunger. Direkt an der Landstraße fanden wir das Restaurant Casa de Crega: Unscheinbar, und die erstbeste Gelegenheit. Es stellte sich heraus, dass das unscheinbare Lokal für seine Meeresfrüchte bekannt war – es war entsprechend gut gefüllt. Während es draußen schüttete, wurden drinnen Hummer, Scampi und Muscheln aufgetragen. Ich aß dort die leckerste Portion Navajas (deutsch: Scheidenmuschel) des ganzen Urlaubs. Endlich weiß ich, wie diese Muscheln schmecken, deren Schale man auch an norddeutschen Stränden findet. Das Restaurant befindet sich hier: CALDEBARCOS, 155, 15293 CARNOTA, A CORUÑA.

#4 VILAGARCÍA DE AROUSA: DIE ANGENEHMSTE STADT. Warum eigentlich? Mit ca. 37 000 Einwohner ist die Stadt in etwa so groß wie Buxtehude. Dennoch: Vilagarcía de Arousa wirkte auf mich bunt, lebendig und jung – hier könnte ich mir vorstellen, eine Zeit lang zu leben: Es gibt Co-Working Spaces, Cafés im Retro-Chic, einen Ableger des Abastos 2.0 und mit ihm wahrscheinlich auch eine Schickeria, denn das Ambiente war deutlich gehobener als in Santiago de Compostela. Kurz gesagt: Der Stadt scheint es gut zu gehen und das ist spürbar. Das galicische Tourismus-Portal beschreibt die Vilagarcía de Arousa wie folgt:

„The town has grown substantially in recent decades, thanks to the increased traffic in goods through its port and its important industry. This growth led to the town spreading outwards and absorbing the neighbouring villages of Carril and Vilaxoán. However, it conserves an interesting old quarter with fine buildings in stone with beautiful galleries. Vilagarcia is a very lively city, with an energetic social life during the day and night, which multiplies its population during the summer months.“

Wer weiß, vielleicht kehre ich dorthin einmal zurück?

Muxía: Wetter ist hier wahrscheinlich immer ein Thema.

 #5 MUXÍA: WIND, WETTER UND HOSTEL. Der angenehmste aller Pilgerorte. Hier gibt es das Kloster Santuario da Virxe da Barca, deren Legende eng mit der Stadt und den Pilgerwegen verbunden ist. Als wir Muxía erreichten, waren wir übermüdet, und die Stadt war im Ausnahmezustand: Das Volksfest Romaría da Nosa Señora da Barca war in vollem Gange (es war der Dritte von drei Tagen Feierei). Die Stadt war dicht geparkt, obwohl eine Vielzahl der Besucher aufgrund des schlechten Wetters bereits abgereist war. Das Klima ist rau in dieser Ecke, und gerade das gefiel mir gut. Die Stadt schmiegt sich malerisch zwischen zwei Küsten, dem Wetter fühlt man sich geradezu ausgeliefert. Wir fanden unverhofft ein stylisches Hostel, das Platz hatte, die meisten anderen hatten aufgrund der Nebensaison bereits geschlossen. Am Abend streiften wir über das Volksfest, das, ähnlich wie Kirmes in Deutschland, aus Fressbuden bestand, die Stück für Stück in Regen und Wind versanken. Eine Latino-Band spielte schmissige Songs, ein paar Hartgesottene tanzten in Regencapes.

Auf geht's also: Fahrt nach Galicien! Es lohnt sich! Die beste Reisezeit ist vermutlich der August: Das Wetter ist noch einigermaßen stabil und die Saison läuft noch. Danach sammeln die Galicier nämlich relativ schnell ihre sieben Sachen zusammen. Fährt man wie wir im September, wird man feststellen, dass viele Campingplätze, Pensionen und Restaurants bereits geschlossen haben. Möchte man baden gehen, sollte man sich auf Kälte einstellen. 18°C Wassertemperatur sind nicht für jeden. Der Blick und die Strände belohnen einen jedoch. Surfen geht auch, zum Beispiel an der Praia de Soeste. 

Write a comment

Comments: 0