Reise: Eine Hochzeit in Polen

Gorzko! lautete die wohl wichtigste Vokabel des Abends bei der Hochzeit unserer Freunde Dominika und Lucas in Zawiaty bei Danzig. Gorzko bedeutet „bitter“ und ist der Trinkspruch, der den Vodka versüßt: Mit einem süßen Kuss des Brautpaares rinnt der Vodka viel leichter die Kehle hinunter.

Ich mag Hochzeiten, die einem Ausflug gleich kommen: Alles ist noch ein bisschen entspannter. Man feiert nicht nur, man gönnt sich auch etwas: Bei Domi und Lucas gönnten wir uns einen Tag Urlaub und brachen bereits am Freitag auf in Richtung Pommern (województwo pomorskie), genauer gesagt in das Feriendorf Zawiaty, nicht weit von Danzig. Unser Freund Dimitry fuhr uns und den Brasilianer Daniel, den wir in Berlin aufsammelten, geduldig und wissend von Hamburg bis ans Ziel: „Here the German Autobahn stops, those are Polish streets.", sagte er, als wir mit dem Citroën auf den ruckeligen Asphalt knallten. Dimitry zog Vergleiche zu Riga, und wir, die unwissenden Norddeutschen und der Brasilianer, lauschten gespannt. Die vorbei rauschende Landschaft war wunderschön – eine Schweiz gibt es scheinbar überall – und die Städte schmucklos. Statt Tank & Rast säumen die Landstraße kleine Kneipen und Cafés, in denen man allerlei Kotlett, Pierogi und Gegrilltes bekommt.

Wir erreichten Zawiaty am Abend, kleideten uns mit dem, was dem Dresscode "Boho-Chic" am nächsten kam, und reihten uns am Lagerfeuer bei den anderen Gästen ein. Das Buffet war bodenständig, so wie die polnische Küche: Würste, über dem offenen Feuer gegrillt, Brot, Schmalz, Gurken, Vodka und Erdbeeren. Nun, dass ich auf Ayurveda hier nicht zählen kann, war mir von Anfang an klar gewesen und so habe ich es, zum Glück, gar nicht erst versucht. Der Abend stimmte ein auf den folgenden Tag: Viele der Gäste kannten Daniel und ich bereits von einem Wochenende an der polnischen Grenze, wo wir gemeinsam ein Gutshaus entkernt hatten. Es gab Bier, und hausgemachten Vodka des Großvaters, auf dessen Wohl wir den ganzen Abend tranken. Eine Kellnerin spielte mit dem Feuer, französische Verwandte verschafften sich einen Überblick, die Herren (und die Damen) erinnerten sich an Junggesellen-Abschiede und andere illustre Abende, es wurde gesungen (Sto Lat, Tender) und sogar ein bisschen getanzt. Ich mag, dass man so die übrigen Gäste bereits am Abend vor der Hochzeit kennen lernen kann: Es lockert auf und man kann am nächsten Tag umso ausgelassener feiern.

Der folgende Morgen begann mit einem deftigen Frühstück. Ich verliebte mich in Rüherei mit Speck und fühlte mich an Leipzig erinnert: an „türkischen Kaffee“, was in Leipzig vor allem bedeutete, dass man das Kaffeepulver einfach in die Tasse füllte und mit Wasser aufgoss. Flat White und Drip-Coffee-Liebhaber wären ohnmächtig geworden, vermutlich allein bei dem Gedanken. Ich trank Instant Kaffee, die bröckelfreie Alternative. Die Trauung fand am Nachmittag statt, und so verteilten wir uns alle über das Gelände und ließen die Seele baumeln. Das Wetter ließ zu wünschen übrig, dennoch sprangen einige Wagemutige in den See, die anderen Hochzeitsgäste jubelten vom Steg aus – ich eingeschlossen. Ich schnappte mir auch die Kamera und den Liebsten und lief ein wenig in den Wald und übte, was ich beim VHS-Kurs zur Kamera-Technik zuvor gelernt hatte: Schärfentiefe, Blenden- und Verschlusszeiten.

Zur Zeremonie fuhren Shuttle-VW-Busse mit Reggae-Pop als Begleitmusik zu einer kleinen Kapelle in der Nähe des Sees. Der katholische Priester zog stoisch sein Programm durch – ungeachtet dessen, was im Vorfeld vereinbart worden war. Ich lauschte polnischen Reimen und versuchte Gesten zu deuten. Hin und wieder ein paar französische Sätze, ein deutsches Lied, ein paar englische Verse, große Emotionen, Tränen, Oblaten, Händeschütteln und bei allem ein zarter Subtext eingespielt vom Trauzeugen mit dem Klavier: Don't stop me now! wünschte sich die Braut: „Das ist das Gefühl, mit dem ich zum Altar schreiten möchte!“. Dem Priester versprach man Mendelssohn: Ein schönes Abbild der katholischen Kirche, finde ich. Berührt haben mich bei der Trauuung vor allem zwei Augenblicke: Der Moment, an dem sich die Gäste und das Brautpaar umdrehten und den Umstehenden die Hände schüttelten, sowie der Moment, als Domi beim Verlassen der Kirche zunächst den Brautstrauß auf dem Podium vergass und noch einmal zurück eilte – da leuchtete auf einmal das Leben auf, zwischen all den festlichen Ritualen. 

Vor der Kirche zogen Wind und Regen auf, ganz so, als wolle der Schöpfer an den Ernst des Lebens erinnern. Wir fröstelten beim Prosecco und knüpften, dicht gedrängt im Eingangsbereich der Kirche, neue Kontakte. Ich sprang in das erste Auto, das mir eine Rückfahrt zur Hochzeitslocation bot.

Der Abend begann, und wir erfuhren, weshalb man uns nach dem Frühstück hatte hungern lassen: Viel Essen, viel trinken und tanzen war das Ziel des Abends. Blaue Vokabel-Zettel erleichterten den Weg dorthin. In Deutsch, Polnisch, Französisch und English konnte man dort lesen, wie man an den Vodka kommt (Gorzko!), wie man sich dafür bedankt, selbst eine polnische Aufforderung zum Tanzen habe ich gelesen, jedoch nicht angewandt. Jede Tischinsel bekam ihren Vodka, und das Essen wurde den ganzen Abend im Minuten-Takt aufgefahren. Kuchen, Pierogi, heiße Brühe und Bortscht, Frikadellen, Fisch, Salate, ein Braten aus dem Unterholz, die Hochzeitstorte – endlos. Ich verließ das Fest gegen 2:30 Uhr, nachdem mein Herzenslied gespielt worden war: Paul Youngs “Love is in the air“, das ich mit dem Film Strictly Ballroom verbinde. So leicht und beschwingt wie der Song, so sollte die Liebe sein.

Hochzeiten! Da ist so viel Gefühl dabei.“, sagte ich an anderer Stelle bereits. „Das Schwerste“, sagte Daniel, „war, bei der Fürbitte in die Gesichter des Brautpaares, der Familie zu blicken, die bei jedem Wort ein paar mehr Tränen der Rührung vergossen.“ Es war die zweite Hochzeit, auf der wir dieses Jahr zu Gast waren, beides Mal bildhübsche Bräute und stattliche (lässige) Herren. Die Frage: „Wann heiratet ihr eigentlich?“ wird unweigerlich jedes Mal gestellt. Wir sind über 30, es liegt auf der Hand. Wo sollen wir da hin kommen, hatte ich ausgerechnet an der Hochzeitstafel ein Gespräch, wenn die Frauen alle warten, bis sie 30-40 sind, bis sie Kinder bekommen und heiraten. Die Menschheit wird zugrunde gehen. Ich pflichtete bei und dachte, ja, mit 18, da war ich sicher: Mit 25 werde ich eine heiße Liebe haben, ein kleines Kind, eine junge Mutter wollte ich sein. In einer Wohnung mit großem Balkon und weißem Sonnensegel sah ich mich wohnen, und einen erfüllenden Job würde ich haben, und auch noch Zeit für Kunst. Heiraten wollte ich nicht.

Seit dem ist einiges passiert! Das Leben verläuft im Zick-Zack-Kurs, und nicht so, wie ich es mir mit 18 einmal ausgemalt hatte. Es ist spannender, manchmal anstrengender, und man dreht und wendet sich, und ändert seine Meinung, so dass ich nun hier stehe und sage: Heiraten, warum nicht? Ich bin nicht die erste, die nach dem Strauß springt (hier bin ich abergläubisch, und die Tatsache, dass ich auf der Party meiner Freundin Inka einst den Strauß fallen ließ, sitzt mir immer noch als schlechtes Omen in Mark und Bein): Aber doch, irgendwann einmal, in aller Zweisamkeit vielleicht, oder mit einem Gartenfest, dann, wenn ich das Gefühl habe, nun möchte ich es nach außen tragen, wie dankbar ich bin, über diese Verbundenheit einer Liebe, die vielleicht den Rest eines Lebens halten wird. Ich glaube nicht an ein 'immer', wer realistisch ist, weiß, dass dies unwahrscheinlich ist. Doch was ist wahrscheinlich? Blicke ich auf mein Leben zurück, erinnere ich mich an Freunde, die eine zweite Chance bekamen, ich erinnere mich an Menschen, die zu früh gestorben sind, oder in den unpassendsten Momenten. Zwei Mal habe ich bereits gesagt: Es fühlt sich an, als sei ich Teil einer Seifenoper. Wer hätte das gedacht? Ich, mit 18? Ganz sicher nicht. Jetzt, mit 35, stehe ich hier und zitiere John Lennon:

"Life is what happens to you

While you're busy making other plans"

Wie mutig und schön ist es da, zu sagen, dass man sich begleiten möchte auf diesem Weg und eine Feier plant! Und wer weiß, vielleicht hält es ja doch: für den Rest eines Lebens. Ein bisschen Hoffnung muss sein <3

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Comments: 1
  • #1

    Lucas (Saturday, 20 June 2015 16:41)

    Danke sehr für diese wunderschönes Artikel. Als Gastgeber es, war sehr schön mit euch zu feiern. Einfach spaß, schöne Leute und keine nutzlose Stress&traditionen.

    <3