Reise: Mein Leipzig lob ich mir!

#pegida #legida - Das schauen wir uns selbst an, dachten Daniel und ich. In Wahrheit gibt es viel bessere Gründe, nach Leipzig zu fahren: Das Zest beispielsweise. Oder lustige Instrumente. Ein kleiner Streifzug durch meine ehemalige Schatz-Stadt.

Das letzte Mal war ich im März 2014 in Leipzig. Das geht eigentlich gar nicht. Ich versuche, mindestens zwei Mal im Jahr dort zu sein. Einmal für die Kunst und die Freunde, einmal für den Sommer und die Freunde. In Leipzig schwelge ich in vielen Erinnerungen, Daniel dagegen kennt die Stadt wenig. Also versuchte ich, auch für mich, eine Mischung aus neu und alt zu bekommen. Das bedeutet zum Beispiel: Sightseeing.

Musikinstrumenten-Ausstellung im Grassi-Museum

In den Jahren, als ich in Leipzig lebte, wurde am Grassi-Museum irgendwie immer gebaut. Ich war also nie drin. Zum Glück war ich nicht die einzige, eine Freundin, sie spielt Orchester-Geige, gab sich auch schuldig zu erkennen. Tatsächlich kann ich die Ausstellung wärmstens empfehlen. Sie gilt, zumindest laut Webseite, als eine der größten Ausstellungen dieser Art weltweit.

Man kann dort Instrumente aus verschiedenen Epochen und aus vielen Ecken der Welt betrachten. Eine Glasharmonika beispielsweise (unten, mit Schwämmchen), war mir bislang unbekannt.

Das Museum beinhaltet ein Klanglabor, in dem man nach Lust und Laune einige Instrumente ausprobieren kann und erfährt, wie sie funktionieren. Eine kleine Orgelpfeife habe ich dabei besonders ins Herz geschlossen.

Schleußig: Per Airbnb einmal woanders wohnen.

Meine ehemalige Heimat war Leipzig Süd. Als ich 2002 nach Leipzig zog, galt die Südvorstadt als eines der angesehensten Viertel. Kneipen, Restaurants und Studentenvolk tummelte sich dort. Später zog ich noch tiefer in den Süden, nach Connewitz. Auch diesmal bewegten wir uns viel durch den Süden. Wir trafen Freunde zum Kaffee im Café Grundmann, dessen Rübli- und Himbeer-Torte jahrelang meine Seele aufpäppelten, wenn Bedarf bestand. Im Fela tranken wir Wein und Whisky, im Café Kowalski aßen wir Kuchen. Ich las kürzlich diesen Artikel hier, der das nostalgische Gefühl gut zusammenfasst, das mich überkommt, wenn ich durch Leipzig laufe:

"Wir sind Menschen, wir können nicht anders. Wir hinterlassen Spuren an Plätzen, die wir besuchen, in den Gehirnen anderer Menschen, in der Welt. Mit Absicht oder ohne es zu wollen. Was von uns übrig bleibt, wenn wir einen Ort verlassen, einen Partner oder gar das Leben, haben wir nicht immer in der Hand. Doch immer bleibt etwas zurück, bei uns, in uns, von uns: Kaugummiflecken vor dem Kino, Erinnerungen an den ersten Kuss, das Schnupftuch von Opa. Geld auf der Bank, ihr Geruch im Lieblingspullover, erstarrte Körper in Pompeji. Vieles vergeht schnell, manches bleibt für immer."

Ich verspüre noch immer eine Bindung zu Leipzig, noch fehlt mir dieses Gefühl, angekommen zu sein in der Stadt in Hamburg. Um der Nostalgie Einhalt zu gebieten, quartierte ich uns im Stadtteil Schleußig ein: Auf der anderen Seite des Parks, ein Stadtteil, durch den ich Jahre lang nur geradelt bin, um zur Arbeit in Plagwitz zu gelangen.

Ich tauche gern in den Alltag anderer Orte und Menschen ein. Airbnb und Couchsurfing sind wie für mich gemacht. Für ein Wochenende hatte ich das Gefühl, mir vorstellen zu können, wie ein Leben in Schleußig wäre. Ruhig vermutlich. Die Cafés und Restaurants befinden sich in Plagwitz oder auf der anderen Seite des Clara-Zetkin-Parks. Es gibt ein paar Läden, Supermärkte und Restaurants, insgesamt ist das Angebot aber überschaubar.

Schleußig ist ruhig und dicht am Wasser gelegen. Zahlreiche Kanäle durchziehen das Viertel. Kein Wunder also, dass es bei jungen Familien sehr beliebt ist. Leipzig ist derzeit keine Option. Ich merke es jedes Mal, wenn ich dort bin. Sollte es mich einmal wieder dorthin verschlagen, ich würde vermutlich nicht mehr den Süden anpeilen. Vielleicht Schleußig?

Das Zest. Bislang unübertroffen lecker.

Hamburg, zeig mir einen solchen Ort in deiner Mitte und du hast mein Herz wieder ein Stück mehr gewonnen. Lediglich die Webseite ist eine Katastrophe - aber diese Erfahrung habe ich schon öfter gemacht. Deshalb glaube ich an meinen Job.

Das Zest ist ein kleines, aber feines Restaurant in Leipzig-Connewitz. Ich habe hier lauschige Sommer-Abende verbracht bei herrlichem Rosé ("Etim", der Wein, der sich - laut Karte - für Heiratsanträge und große Gelage eignet!). Vor allem aber habe ich Dinge gegessen, die ich in der Form zuvor noch nicht gegessen habe. Es heißt, das Restaurant sei das Projekt von Freunden, die die Welt bereisten und ihre kulinarischen Eindrücke mitbrachten. Autodidakten in der Küche. Ich erinnere nicht, von wem diese Erzählung stammt, sie mag wahr sein, oder auch nicht.

Die Karte des Zest wechselt regelmäßig (monatlich?). Für diejenigen, die mit der veganen Küche nicht vertraut sind, gib es Soja-Steak oder Pasta-Gerichte, für alle anderen gibt es zum Beispiel einen Paranußbraten in Madeira-Rosmarin-Jus, mit Maronen-Vanille-Krapfen, Schwarzwurzel-Limonen-Ragout und Gelbe-Beete-Chips. Und Rice & Spice: Der Klassiker, der Reis vereint mit etwas anderem - immer wieder neue Varianten von Curries und Soßen. 

Der Stil des Zest ist pur. Das Essen steht im Mittelpunkt. Die Einrichtung in Holz wirkt spartanisch, das Licht erzeugt Wärme, und irgendwie sitzt man den Tisch-Nachbarn beinahe auf dem Schoß: Was anfänglich kühl wirkt, wird schnell persönlich.

Auf geht's, liebe Leute, fahrt nach Leipzig! Lasst euch von #legida nicht abhalten. Am ersten Mai-Wochenende lädt die Kunst zum Frühjahrsrundgang in der Baumwollspinnerei!